Kultur : Der große Verführer

Morgen erhält Daniel Barenboim den Siemens Musikpreis. Ein Loblied auf den Musiker und Freund / Von Sir Peter Jonas

-

Üblicherweise wird der Mensch mit je zwei Beinen, Armen, Augen und Ohren geboren. Die Arme und Beine entwickeln sich langsam, aber stetig und erreichen – je nach Lebensstil oder Training – nach etwa 20 Jahren ihre optimale Stärke. Auch unsere Sehkraft vermag die Welt, in der wir leben, ziemlich bald bestmöglich zu erfassen. Die Ohren jedoch entwickeln sich nach einem weniger uniformen Schema. Sie erwachen beim scheinbar wahllosen Klang der Natur, werden attackiert vom Lärm unserer technischen Errungenschaften, lernen Sprachen verstehen und müssen trainiert werden, auf die Harmonien und Dissonanzen der Musik zu reagieren.

Erst kürzlich erforschte Daniel Barenboim bei seinen BBC Reith Lectures das Potenzial des menschlichen Gehörs. Er testete seine Widerborstigkeit, wenn es etwa darum geht, die Beziehungen der verschiedenen Tonarten untereinander zu erkennen und zu verstehen; er untersuchte die Unfähigkeit der meisten Menschen, ohne Anleitung die Brücke zwischen tonaler und atonaler Musik zu überqueren. Ebenso kraftvoll wie mit seiner Musik demonstriert Barenboim in seinen Vorträgen Wege zur Überwindung solcher Unzulänglichkeiten: indem man es den Ohren gestattet, ihr volles Potenzial zu entwickeln.

Die intellektuelle Bandbreite, die Originalität und das Charisma von Daniel Barenboim sind der Schlüssel zum Begreifen dieses Mannes, Künstlers und Musikers. Ein warmherzigerer und loyalerer Freund, Lehrer und Interpret lässt sich schwerlich finden. Und doch ist da auch etwas Mephistophelisches um diesen musikalischen Giganten, leicht verwirrend für die jüdisch-christliche Tradition, die Mephisto als Metapher für die dunklere Seite der Natur zu betrachten pflegt. Aber: Wenn Barenboim ein Mephisto ist, dann ist er ein guter Mephisto – ein musikalischer Verführer, ein intellektuelles Kraftwerk. Er lässt Publikum, Kollegen und die Verantwortlichen künstlerischer Institutionen stets „the best for the most“ erleben – wenn diese bereit sind, sich von der Kunst selbst inspirieren zu lassen.

Die mephistophelische Aura färbt auch auf seine Freundschaften ab. Wie ein schelmischer Rattenfänger ist er stets von einem Gefolge umgeben, von Bewunderern, Groupies, aber auch engen Freunden und Jüngern, die er mit dem ihm eigenen Zauber dazu ermutigt, ihre Horizonte zu erweitern. Ich erinnere mich an die frühen Siebzigerjahre, als ich beim Chicago Symphony Orchestra ein Neuling war; an die vielen gemeinsamen Autofahrten durch winterliche Nächte in die neosibirischen Wüsten von Milwaukee, wo wir jeden dritten Montag unsere obligatorischen Konzerte gaben. Diese langen deprimierenden Abende wurden lediglich erhellt durch Daniels Dirigate und die anschließende Drei-Stunden- Rückfahrt, während der wir bei viel zu viel Wodka über Gott und die Welt redeten, eingehüllt in den Nebel seiner dicken Havanna-Zigarre, der sich noch mehr verdichtete, sobald er mir ebenfalls eine anbot. Auf diesen Fahrten lernte ich Daniels Heißhunger auf Philosophie, Logik und das Studium des menschlichen Geistes kennen, was er mit einer endlosen Serie von Witzen jeder Art (musikalisch, jüdisch oder einfach nur herrlich witzig) zu würzen pflegte.

Daniels Verbindung zum Chicago Symphony Orchestra reicht bis in die Sechzigerjahre zurück. Die Stabübernahme von Sir Georg Solti 1991 war für ihn der Auftakt einer langen, bemerkenswerten Amtszeit als Musikdirektor. Seine Verdienste in Chicago stehen außer Frage. Ein noch festeres Band jedoch besteht zwischen ihm und der Berliner Staatskapelle, seit 1992 ist er künstlerischer Direktor des Opernhauses Friedrichs des Großen „Unter den Linden“ und von dessen aristokratischem Orchester. Acht Jahre später ernannte die Staatskapelle ihn zum Musikdirektor auf Lebenszeit. Heute ist Barenboim viel mehr als die Summe all dieser Titel. Er ist der Felsen, der Turm der Stärke, der dieses große Opernhaus verteidigt und es – repräsentativ für die deutsche Opern- und Musiktradition – beschützt vor den Fallen und Schlingen politischer Missgeschicke; vor der gut gemeinten, aber leider nur zu oft in falsche Richtungen führenden Beachtung durch große und unbedeutende Politiker gleichermaßen, und auch vor den endlosen Rationalisierungs-Torpedos, die auf die Welt der Künste abgefeuert werden. Dafür ist jeder Opern- und Musikliebhaber, und ganz bestimmt jeder Berliner, Daniel Barenboim zu Dank verpflichtet. Ob man nun diese oder jene seiner Interpretationen mag: Integrität ist in seiner Art, Musik zu machen, immer präsent. Mehr als das: Sein Musizieren ist stets geprägt von Größe und Würde – und von Herzensgüte.

Was für die Kunst gilt, gilt bei ihm immer auch fürs Leben. In einer für mich sehr schwierigen Phase bewährte sich Daniels Freundschaft aufs Höchste; er ermöglichte mir viele wunderbare Kurzurlaube in seinen damaligen Wohnsitzen in Paris und Südspanien. Meine Neigung, unter Flügeln zu schlafen (ihre Ursache zu erklären wäre hier zu kompliziert), bescherte mir oft das einzigartige Erlebnis, aufzuwachen, während Daniel wenige Zentimeter über meinem Kopf auf seinem Steinway übte. Ich war nie ein großer Schumann-Fan, aber das änderte sich, als ich eines frühen Morgens aus einem besonders intensiven Traum zu den Klängen des „ Abends“ erwachte, des ersten von Schumanns Fantasiestücken. Ein unvergesslicher Augenblick, in dem kein Wort gesprochen und doch alles gesagt wurde. Später erzählte er mir ganz ohne falsche Bescheidenheit, sein großes Vorbild Arthur Rubinstein spiele diese Miniatur sehr viel bewegender als er. Sage keiner, Barenboim, dieser verschmitzte Mephistopheles, sei nicht auch von tiefster Demut erfüllt; dies nicht zu vermuten, wäre ein großer Fehler.

Viele Jahre später schmuggelte ich mich einmal in die Berliner Philharmonie, wo Daniel die Philharmoniker dirigierte. Nach dem Konzert verbeugte er sich wieder und wieder inmitten tobenden Beifalls, um sich dann schließlich noch einmal an den Flügel zu setzen und eine Zugabe zu geben – nichts anderes als jene wunderbare Schumann-Miniatur. Er hatte mich hereinkommen sehen, und sein Spiel floss über vor Liebe und Respekt für seinen Halbgott Rubinstein.

Es wäre auch falsch, Daniel Barenboim als das Sinnbild des ultra-seriösen, furchterregenden Maestros zu sehen, dessen gebellte Kommandos immer ernst genommen werden müssen. Dieser Mann ist mehr als menschlich; er ist witzig, von leichtfüßigem Humor, leidenschaftlich und auch einfachsten Freuden zugänglich. Zu meinen liebsten Erinnerungen zählt ein magischer Tag an einem Strand in der Nähe seiner spanischen Zuflucht, wo wir bei einem weinseligen Lunch stundenlang redeten und in der Sonne Sangria tranken, bis wir zu betrunken waren, um unseren Zustand zu registrieren. Irgendwie haben wir es trotzdem geschafft, den Hügel zu seinem Haus hinaufzusteigen, wo wir dermaßen blau ankamen, dass Daniels liebe Ehefrau Elena – total gelassen, aber mit nicht-alkoholischer Strenge – uns kurzerhand mit allen Kleidern in den Swimming Pool beförderte. Was leicht eine peinliche Episode hätte werden können, wurde so zu einem Moment, an den man sich als jugendliche Dummheit gern erinnert.

Daniel hat auch persönliche Tragödien durchlitten – sogar mehr, als recht ist. Doch in der Musik, vor allem in seinem Klavierspiel, fand er immer eine emotionale Stütze. Einmal sagte er mir in einem Gespräch über Dirigenten und ihre persönlichen Eigenarten, wie dankbar er für das Geschenk sei, ein Instrument zu haben, auf dem er spielen könne und auf dem er ganz allein für die musikalische Aussage verantwortlich sei.

Daniel Barenboim glaubt an die Musik als eine gemeinsame Sprache der Menschen, die jene von Hass, Intoleranz, religiösem oder nationalem Fanatismus errichteten Barrieren niederreißen kann. Sein West-Eastern Divan Orchestra für junge Musiker aus Israel und den arabischen Ländern ist ein Erfolg. Diese Initiative heilt Wunden – soweit dies überhaupt möglich ist. Und sie ist nach wie vor der einzige Hoffnungsschimmer am Horizont der palästinensischen Frage – allen politisch gestalteten Road Maps zum Trotz.

Von unserer ersten Begegnung in Chicago an hat Daniel Barenboim mich gelehrt, niemals Angst vor Autoritäten zu haben. Wie zahllose andere Menschen auch habe ich von ihm gelernt, wie man im künstlerischen und öffentlichen Leben Loyalität und Freundschaft gewinnt. Er hat niemals Angst, oder scheint zumindest niemals Angst zu haben. Er ist immer bereit, andere aus der Fassung zu bringen, zu verstören, zu provozieren, für ein gewisses Niveau zu streiten. Daniel Barenboim ist ein Künstler, der sich in seinem musikalischen Schaffen höchster Qualität und Zugänglichkeit verschrieben hat. Seine außerordentlichen Talente lassen ihn immer dort an vorderster Front stehen, wo es darum geht, die Künste zum Esperanto für eine bessere Welt zu machen.

Der Autor ist Intendant der Bayerischen Staatsoper in München.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben