Kultur : Der große Verführer

Meine Schwester tut mir Rüben in den Kaffee, klagte Kleist: Wie der Zucker vom Luxusprodukt zum Massengut wurde

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Papageno, der Vogelhändler, braucht dringend eine Papagena. Aber wie gedenkt er sie zu erringen? „Wenn alle Mädchen wären mein, dann tauschte ich brav Zucker ein“, trällert er hoffnungsfroh, „die welche mir am liebsten wär, der gäb ich gleich den Zucker her.“ Nanu! Ein bisschen Zucker, und schon schmelzen die Frauenherzen?

Den Zeitgenossen, die die Uraufführung von Mozarts „Zauberflöte“ im Jahre 1791 miterlebten, kamen diese Worte gar nicht merkwürdig vor. Denn Zucker war im 18. Jahrhundert ein beliebtes Braut- und Hochzeitsgeschenk; wer sich bei seiner Angebeteten oder ihren Eltern beliebt machen wollte, überreichte einen Zuckerhut. Zucker war teuer, denn der süße Verführer musste von den Zuckerrohrplantagen der Neuen Welt mühsam herbeigeschafft werden. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war Zucker in Europa ein Luxusprodukt.

Die Menschheit kennt Zuckerrohr, das große Gras mit dem süßen Saft, seit langem. Ursprünglich stammt Zuckerrohr aus Neuguinea, aber es verbreitete sich schon vor Tausenden von Jahren bis nach Indien. Die Feldherren Alexanders des Großen jedenfalls berichteten bereits bei ihrem Indienfeldzug 327 v. Chr. von einem „Schilf, das Honig hervorbringt ohne Bienen“. Vermutlich haben sie erlebt, wie die Inder das Rohr auspressten und den Saft tranken – oder ihn, noch braun, in Gefäßen hart werden ließen.

Erst über tausend Jahre später sollten wieder Europäer in den Genuss des Zuckers kommen: Der Kreuzritter Gottfried von Bouillon erbeutete 1097 auf dem Weg nach Jerusalem ganze elf Kamellasten mit Zucker – die Pflanze war im Gefolge der Araber und des Korans bis in den Nahen Osten vorgedrungen. Man kann sich die Ritter vorstellen, wie sie im Sand saßen und sich die Finger leckten – wie eine Erleuchtung muss ihnen der Geschmack vorgekommen sein. Die Kunde vom süßen Gold verbreitete sich in Europa schnell. „Es soll diese Speise wohlschmeckender und gesünder sein als Honigkuchen“, schrieb ein Zeitgenosse.

Gesund! Jawohl, ausgerechnet der Zucker galt jahrhundertelang als erstklassiges Stärkungsmittel. Er wurde in Apotheken gehandelt und diente den Apothekern auch dazu, ihre bitteren Arzneien zu versüßen. „Zucker reinigt das Blut und nützt den Nieren und der Blase“, so heißt es in einem mittelalterlichen Gesundheitsbuch. Der Leibarzt eines mecklenburgischen Herzogs im 17. Jahrhundert, sagte dem Zucker nach, er könne Fieber senken, Kranke beruhigen, Leber, Magen und Nieren anregen, ein wahres Wundermittel. Davon wollte man mehr.

Da Zuckerrohr keinen Frost verträgt, konnte die Pflanze in Europa nur in Südspanien und auf Mittelmeer-Inseln wie Zypern oder Malta angebaut werden. Im 15. Jahrhundert kamen auch die Kanarischen Inseln als Anbaugebiet hinzu. Doch das reichte nicht aus, um den Süßhunger der Europäer zu befriedigen. Christopher Kolumbus war daher mehr als beglückt, als er bemerkte, dass die von ihm entdeckten Antillen ideale Bedingungen für den Anbau von Zuckerrohr boten. Schon auf seiner zweiten Reise in die Neue Welt ließ er Zuckerrohr-Setzlinge auf Hispaniola (heute Haiti) einpflanzen, die prächtig gediehen.

Wenig später wurden ganze Plantagen angelegt, auf denen die Einheimischen Zwangsarbeit leisten mussten. Die Ernte von Zuckerrohr ist bis heute körperliche Schwerstarbeit; zahllose Indios starben an den Strapazen. Der katholische Pater Fray Bartolomé de las Casas schlug deswegen vor, „einige Negersklaven aus Afrika einzuführen“, da sie für diese Arbeit besser geeignet seien: der Anfang von fast vier Jahrhunderten Sklavenhandel zwischen Europa, Afrika und der Neuen Welt.

Die reichen Europäer, die derweil auf ihren Banketten ganze Paläste und Jagdszenen aus Zuckermasse auftischen ließen, störten sich wenig daran, dass ihre Leckereien mit Sklavenarbeit hergestellt wurden. Zwar suchte man ab Mitte des 18. Jahrhunderts nach Wegen, Zucker auch aus heimischen Pflanzen zu gewinnen – aber das treibende Motiv dafür war, Devisen für den Import von Kolonialzucker zu sparen. Aus diesem Grunde experimentierte der Chemiker Andreas Sigismund Marggraf in Berlin mit verschiedenen Pflanzen – und fand 1747 in der Tat einen geringen Zuckeranteil in jener Rübe, die wir Zuckerrübe nennen. Sein Schüler Franz Carl Achard baute die Pflanze systematisch an und gewann tatsächlich Zucker daraus. Er vermarktete ihn mit dem Argument „An jedem Fass Kolonialzucker klebt Blut“: Die Rübe sei moralisch sauberer.

Es dauerte Jahrzehnte, bis sich die Rübe als Zuckerlieferant in Europa durchgesetzt hatte. Zunächst waren viele skeptisch: Heinrich von Kleist etwa klagte, dass ihm seine Schwester vor lauter Geiz „Rüben in den Kaffee“ tue. Innerhalb von fünfzig Jahren fiel der Preis des Zuckers um zwei Drittel. Der Exot wurde zum Massenprodukt, auch Marmelade und Naschwerk wurden für die Massen erschwinglich.

Papageno jedenfalls, der 1791 noch auf die verführerische Wirkung des teuren Zuckers setzen konnte, wäre hundert Jahre später mit schlichtem Haushaltszucker im Arm vermutlich abgeblitzt.

Die nächste Folge – Tropische Früchte – erscheint am Freitag.

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