Kultur : Der große Wurf ist nicht in Sicht

CHRISTIAN BÖHME

Eine Frage der Erinnerung - bei den Bonner Parteien herrscht Hilflosigkeit angesichts des 150.Jahrestages der Revolution von 1848VON CHRISTIAN BÖHMEMit Gedenktagen tut sich Deutschland schwer - vor allem das offizielle Deutschland, vertreten durch das Bonner Parlament, die Regierung, die Parteien, Verbände und Institutionen.Kaum ein Jahr vergeht, in dem nicht mehrmals an Daten der bewegten deutschen Vergangenheit erinnert werden könnte.Die Frage lautet nur: Welche Ereignisse sind überhaupt erinnernswert? Und in welcher Form und welchem Ausmaß besinnt man sich? Schließlich sind die zurückliegenden Jahrzehnte und Jahrhunderte eher reich an unangenehmen Begebenheiten und Traditionen, mit denen die Bundesrepublik zu Recht gebrochen hat.Freilich wird niemand behaupten, das schwere Erbe werde ignoriert.1995 etwa legte das wiedervereinigte Deutschland anläßlich des 50.Jahrestages des Kriegsendes einen regelrechten Erinnerungsmarathon zurück. 1998 jährt sich zum 150.Mal ein Ereignis, das geeignet wäre, sogar richtig gefeiert zu werden: die Revolution von 1848.Wer aber glaubt, die Politik stürze sich auf den in Deutschland einmaligen Aufstand für Freiheit und Einheit, wird enttäuscht: Während Wissenschaftler, Verlage, Städte, Kommunen, Museen und Volkshochschulen "1848" zu ihrem Thema gemacht haben, fällt Bonn fast nichts dazu ein. Das verwundert.Bietet doch die Revolution gerade für die Parteien, Gewerkschaften und den Bundestag einige Anknüpfungspunkte.Parlamentarismus, Demokratie, Liberalismus, politischer Katholizismus, Arbeiterverbrüderung und Sozialgesetzgebung gehören zum Fundus, auf den sich die Volksvertreter sowie alle maßgeblichen Parteien besinnen und berufen könnten. Von besonderer Aktivität ist in Bonn jedoch nichts zu spüren.Bis vor kurzem sah es noch danach aus, als würde der Bundestag den Termin vollends verschlafen.Nun scheint das Gremium aufgewacht zu sein.Der Ältestenrat hat beschlossen, voraussichtlich Ende Mai eine Sitzung des Hohen Hauses 1848 und dem Parlamentarismus zu widmen.Die Sozialdemokraten bekunden zwar ihren Willen, sich dem Datum zu stellen, wollen aber erst einmal abwarten, wen sie als Kanzlerkandidaten gegen Helmut Kohl ins Rennen schicken.Ansonsten wird gerne auf die Historische Kommission der Partei verwiesen, die sich um 1848 kümmern werde.Die Grünen geben sogar freimütig zu, "nichts Großes vor zu haben.Das Ereignis kommt zu kurz".Gleiches läßt sich wohl für den Deutschen Gewerkschaftsbund sagen.Man konzentriere sich auf das kommende Jahr, dem Gründungsjahr des DGB.Und die FDP bekundet, ihr sei 1848 ganz wichtig.Geplant sei, am 6.Mai die Frankfurter Paulskirche für einen Festakt zu mieten.Motto: 150 Jahre liberale Revolution in Europa. Gut und schön das alles, aber wo bleibt das Gemeinsame der Demokraten, das womöglich über den Tag hinaus weist, der große Wurf? Er wird nicht kommen.Denn den klassischen politischen Liberalismus gibt es nicht mehr.Zumindest gibt es keine Partei, die sich im Sinne von 1848 offensiv und in der Sache unnachgiebig zu den Freiheitsidealen der Revolutionäre bekennnen würde.Die Debatte um den Lauschangriff dient dabei als jüngstes Beispiel.Aber warum nicht das 48er-Jubiläum zum Anlaß nehmen, um an die liberale Aufbruchstimmung von einst zu erinnern und den Schwung für einen gesellschaftlichen Ruck zu nutzen! Dafür bedarf es allerdings Persönlichkeiten.Doch die klugen Köpfe halten sich mal wieder zurück.Nur einer hat sich bislang öffentlich und kritisch zu Wort gemeldet, die Malaise beim Namen genannt: Hans-Ulrich Wehler.Der Bielefelder Historiker findet es "irritierend", daß die Politik in puncto 1848 "stumm" sei, sagte er im Gespräch mit dem Tagesspiegel.Vor 50 Jahren, kurz nach dem Krieg, habe es kaum Möglichkeiten gegeben, der Revolution zu gedenken."Jetzt, nach der Wiedervereinigung, hat man die große Chance, sich dieser demokratischen Anfänge auch gesamtdeutsch zu erinnern.Sie wird aber nicht genutzt", sagt Wehler. Mit seiner Einschätzung steht der Grandseigneur der Sozialgeschichte nicht allein.Johannes Fried, derzeit Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands, moniert gegenüber dem Tagesspiegel, daß "hier eine Gelegenheit verpaßt wird, öffentlich über deutsche Geschichte und Identitäten nachzudenken".Und der Berliner Geschichtwissenschaftler Heinrich August Winkler hält das Datum für einen guten Anlaß, sich über die "sperrige" Revolution Gedanken zu machen.Doch warum ist das Interesse dazu von offizieller Seite so gering? Zum einen macht sich der Bundestagswahlkampf bemerkbar.Die Parteien blicken lieber in die Zukunft als in ihre Vergangenheit."Historische Jubiläen geraten da naturgemäß rasch in Vergessenheit", sagt Fried.Das allein reicht aber als Erklärung nicht aus."Für die heutigen Politiker ist es nicht leicht, sich mit einer der während der Revolution aktiven Gruppen zu identifizieren.Wen will man als Helden ehren?", fragt Heinrich August Winkler zu Recht.Die kompromißlosen Revolutionäre, die sogar von einem Weltkrieg sprachen, wie zum Beispiel Karl Marx? Der schloß einen Neujahrsartikel mit den Worten: "Revolutionäre Erhebung der französischen Arbeiterklasse, Weltkrieg - das ist die Inhaltsanzeige des Jahres 1849." Oder hält man es eher mit den oft allzu kompromißbereiten Liberalen, die eher auf Reform als auf radikalen Umsturz setzten? 1848 entzieht sich eben einer eingängigen und eindeutigen Interpretation - zumal sich nicht einmal die Historiker über die Beurteilung der Revolution einig sind.Ist sie gescheitert, wie immer wieder zu hören ist? Gemessen an ihren hochgesteckten Zielen - deutsche Einheit und bürgerliche Freiheit - trifft das auf den ersten Blick zu, aber Wehler und Winkler betonen einhellig, daß diese Sichtweise zu kurz greift.Der Bielefelder Historiker Wehler verweist darauf, daß beispielsweise der Grundrechtekatalog und die Strafrechtsreform über 1848 hinaus Bestand hatten.Zudem sei der in aller Eile entstandene Verfassungsentwurf der Paulskirche bemerkenswert.Er war mehrmals ein wesentlicher Ausgangspunkt neuer Verfassungen: für Bismarck 1867/71 und für die Verfassungsväter 1918/19 und 1948/49. Daß der Revolution nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, liegt nach Wehlers Auffassung nicht zuletzt an deutschen Befindlichkeiten."Offenbar gibt es in der Bundesrepublik ein gebrochenes Verhältnis zu Revolutionen.Vielleicht stoßen sich die Deutschen daran, daß bei solchen gesellschaftlichen Umschwüngen zumeist die Obrigkeit in Frage gestellt wird", spekuliert der Sozialhistoriker.Ganz überzeugen kann die Erklärung freilich nicht: Für einen großen Teil der 48er stand weniger Revolution als Reform im Vordergrund. Es gibt also keine einfache Formel, 1848 zu "verorten", wie es Heinrich August Winkler ausdrückt.Das allerdings sollte die Politik nicht vom Erinnern abhalten.Denn die deutsche Geschichte ist wahrlich nicht reich an demokratischen und liberalen Traditionen, an die sich mehr oder weniger unbefangen anknüpfen ließe.Vivat 1848!

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