Kultur : Der Großonkel

Streit in den Niederlanden um ein Gedenk-Gedicht.

Maartje Somners

2012 wird es kein Gedicht geben bei der nationalen Totengedenkfeier in den Niederlanden am 4. Mai. Das hat mit Grenzen zu tun. Jedes Jahr schreibt die Organisation „Nationaal Comité 4 en 5 mei“ einen Schülerwettbewerb für ein Gedicht aus, das vom Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen handelt. Die Sieger tragen ihre Verse bei der Zeremonie auf dem „Dam“ vor, dem Hauptplatz von Amsterdam. Diesmal hatte die Jury unter anderem den Beitrag des 15-jährigen Auke de Leeuw aus Helmond nominiert, der über seinen Großonkel schrieb, der als Soldat im Krieg gekämpft hatte – nur hatte sich der Mann freiwillig bei der Waffen-SS gemeldet und war an der Ostfront gefallen.

Ein Meilenstein der Vergangenheitsbewältigung? Oder ein Verharmlosung und eine Verunglimpfung der Opfer? Für 24 Stunden hatten die Niederländer ihre eigene Debatte über ein umstrittenes Gedicht. „Foute keuze“, „Falsche Auswahl“ lautet der Titel des Gedichts, in dem beschrieben wird, wie der Großonkel „aus Armut“ und mit „falschen Idealen“ zur SS kam und sich nicht mehr entziehen konnte. Dass er austreten wollte, beweisen seine nachgelassenen Briefen, auf denen das Gedicht basiert. „Mein Name ist Auke Siebe Dirk. Ich bin genannt nach Dirk Siebe. Weil auch er nicht vergessen werden mag,“ schreibt der Großneffe.

Zuerst lobten Jury und Komitee den Mut des Jungen, sich auch für jene Menschen zu interessieren, die aus Hunger, Gedankenlosigkeit, Naivität den falschen Weg einschlugen. Anders das Niederländische Israel-Zentrum CIDI: „Man tut der ganzen ersten Opfergeneration damit Gewalt an,“ so die stellvertretende Direktorin Esther Voet im NRC Handelsblad. Als das Niederländische Auschwitz-Komitee drohte, der Totengedenkfeier fernzubleiben, wurde der Vortrag vom Programm gestrichen. Das Komitee fand den Beitrag zwar noch immer integer, wünschte aber keine Überschattung der Feier. Auke de Leeuw selbst erklärte, er habe niemanden verletzen wollen. „Ich wollte nur zeigen, dass es im Krieg nur Verlierer geben kann – auf der richtigen wie falschen Seite. Aber wie sollen wir je lernen, wenn wir nicht über Fehltritte reden dürfen?“

Der Tag nach der Totengedenkfeier, der 5. Mai, ist in den Niederlanden Nationalfeiertag, Bevrijdingsdag, weil an dem Tag die Teilkapitulation der Deutschen Wehrmacht 1945 im Nordwesten stattfand. Die Festrede hält in diesem Jahr der deutsche Bundespräsident. Joachim Gauck wird der erste deutsche Amtsträger sein, der bei diesem Anlass eine Rede hält. Und keiner hat diese Auswahl falsch genannt. Maartje Somers

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