Kultur : Der Großverlag empfängt einen Liebhaber

Helmut Böttiger

Die Kreuzbergstraße stand für ein Programm: Der Alexander Fest Verlag ist erst vor kurzem in den Berliner Stadtteil gezogen, der nach Meinung vieler Auguren wieder stark im Kommen ist. Und die Verlagsräume auf illustren Fabriketagen im großzügig sanierten Hinterhaus erinnerten nicht von ungefähr an New Yorker Lofts. Doch bevor Kreuzberg richtig da angekommen ist, wo Fest schon war, ist dieser schon wieder woanders.

Alexander Fest wird neuer Chef des Rowohlt-Verlags: eine Nachricht, die schon seit längerem in der Luft lag. Wirklich neu ist die andere Nachricht: nämlich die, dass damit der Alexander Fest Verlag zu bestehen aufhört. Das dürfte die Entscheidung für Rowohlt ziemlich hinausgezögert haben. Denn Jungverleger Alexander Fest, Sohn des ehemaligen FAZ-Herausgebers Joachim C. Fest, geht damit durchaus ein Risiko ein. In den wenigen Jahren seines Bestehens - der Alexander Fest Verlag trat im Herbst 1998 mit seinem ersten Programm an die Öffentlichkeit - erwarb sich der Verlag ein erstaunliches Renommée, er bewegte sich inmitten der alten, unbeweglich scheinenden Großverlage mit ihren selbstreferenziellen Problemen und den gewachsenen und verkrusteten Strukturen wie eine kleine, schnelle Fregatte. Nach den ersten Erfolgen wurde der Alexander Fest Verlag in den S. Fischer-Verbund der Holtzbrinck-Verlagsgruppe aufgenommen. Und nach einer Umstrukturierung kam es zur Kooperation mit Rowohlt, wobei Alexander Fest gleichzeitig verlegerischer Geschäftsführer des Kindler-Verlages wurde.

Dem großen Erfolg bei der Kritik, den Alexander Fest mit Autoren wie Georg Klein und Denis Johnson von Anfang an hatte, folgten mit der Zeit auch einige finanzielle Coups. Birgit Vanderbeke wechselte mit dem Buch "Alberta empfängt einen Liebhaber" nach einigen weniger ergiebigen Stationen zu Fests Verlag und wurde dort plötzlich zu einer Bestsellerautorin - ein bisschen lag das natürlich auch an der Sympathie, die die Öffentlichkeit dem neu gegründeten Verlag entgegenbrachte. Zudem war dessen Programm überschaubar und konnte solch einen Titel gebührend herausstellen.

Welchen Anteil am Erfolg des Verlags - auch mit Titeln von Max Goldt, Eckard Henscheid oder Jon Foss - das Glück und welchen Anteil die Fähigkeiten des Verlegers hatten, das war eine Rätselfrage, die früh und häufig gestellt wurde und letztlich bis heute nicht ganz beantwortet werden kann. Sicher, sein Name öffnete Alexander Fest wohl manche Türen und aktivierte manche Verbindungen. Doch die Geschichte, wie der in kürzester Zeit zum neuen deutschen Erfolgsautor avancierte Georg Klein mit seinem ersten Buch zu diesem Verlag stieß, hat damit offenkundig gar nichts zu tun: Der erfolglos seit zwei Jahrzehnten vor sich hinschreibende Mittvierziger Klein konnte im ersten Programm des Fest-Verlags für alle überraschend doch noch sein Debüt landen ("Libidissi"). Anders als mit dem sicheren Instinkt des Verlegers ist das kaum zu erklären: Fest fragte den eigentlich als Boten einer Zeichnerin vorgelassenen Klein zum richtigen Zeitpunkt einfach, was dieser denn so treibe.

Und dass ein fast schon mythischer US-Autor wie Denis Johnson jetzt ausgerechnet beim Fest Verlag mit einer starken Zeitverzögerung seinen gebührenden Auftritt in Deutschland hatte, muss auf denselben berüchtigten verlegerischen Instinkt zurückzuführen sein, der in keinem Managementkurs gelernt werden kann und der mit Betriebswirtschaft erst einmal gar nichts zu tun hat. Denn Denis Johnson galt in Deutschland als nicht durchsetzbar, nachdem Suhrkamp vor Jahren einmal einen Titel von ihm unvorteilhaft platziert und den Autor damit unterschätzt hatte.

Damit ist auch schon das Besondere dieser neuen Liaison benannt: Autoren wie Denis Johnson oder der für Herbst 2002 für den Fest-Verlag vorgesehene Jonathan Franzen wären eigentlich typische Rowohlt-Autoren. Schließlich hatte Rowohlt lange Jahre die Spitzen-Position für wichtige US-amerikanische Gegenwartsliteratur inne.

Alexander Fest bekundet unumwunden, dass Rowohlt neben Suhrkamp immer der Verlag gewesen sei, der seine Leseerfahrungen geprägt habe. Wenn er zu seiner neuen Herausforderung sagt: "Ich habe Brinkmann im Rücken, und ich habe Nabokov im Rücken" - dann trifft das ziemlich genau die ästhetischen Prämissen, die für seinen eigenen Verlag galten. Die Rowohlt-Klassiker Brinkmann und Nabokov stehen für das Profil, das Rowohlt in seinen Glanzzeiten hatte und das mittlerweile in einem breiteren Spektrum aufgegangen ist - aber sie stehen eben auch für die Schwerpunkte des Fest-Verlags: Pop auf der einen, avancierte zeitgenössische Schreibweisen auf der anderen Seite. Das gesamte Programm des Fest Verlags, könnte man zugespitzt formulieren, profitierte von Rowohlts Strategiewandel: Fest konnte auf einem Feld wildern, das quasi brach lag.

Fest wird seine Autoren, wie seine Verlagsmannschaft, in das wesentlich größere Haus mitbringen. Ob dies zu Komplikationen führen wird, ist eine der spannenden Fragen, die die Literaturbranche beschäftigt. Fests Vorgänger Peter Wilfert war nur kurz im Amt, er hatte vorher mit dem Krüger-Verlag beachtliche Publikumserfolge erzielt. Rowohlt hat in jüngster Zeit ebenfalls Marktanteile gewonnen und ist hinter Goldmann und Heyne derzeit der drittgrößte Taschenbuchverlag; es gab in den letzten beiden Jahren einen beachtlichen Konsolidierungsprozess mit gut verkäuflichen Titeln.

Mit Fest betritt nun ein prononciert literarisch denkender Verleger den Rowohlt-Ring, und er ahnt schon, "dass es dabei nicht so familiär zugehen wird wie beim Fest-Verlag: Da musste man ja gar keine Konferenzen machen, weil man eh beim Mittagessen zusammensaß!" Aber er kennt Rowohlt schon allein, weil es seit einem Jahr eine Vertriebskooperation gibt, ebenso wie gemeinsame Vertretersitzungen. Auch die Buchhaltung und die Rechte des Fest-Verlags wurden bislang von Rowohlt betreut.

Der Erfolg des Fest Verlags - vor allem bei der Kritik - ist vielleicht auch bald der Erfolg Rowohlts, dessen literarisches Profil der neue Chef gewiss schärfen wird. Der Wechsel von einer wendigen Fregatte zu einem großen, schwergewichtigen Tanker ist jedenfalls die nächste Herausforderung in der an Herausforderungen bislang nicht armen Karriere des Alexander Fest.

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