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Kultur : Der gute Geist Furtwängler

09.01.2010 00:00 Uhrvon
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Mystiker. Wilhelm Furtwängler 1952 mit den Berliner Philharmonikern. Foto: dpa

„Jupiter und ich“: Der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau sinnt seinen Begegnungen mit Wilhelm Furtwängler nach.

Der eine war der deutsche Sänger nach 1945, ein Gigant mit mächtigem Schattenwurf, im Lied, in der Oper, im Konzert, auf über 400 Schallplatten, eine Weltstimme, ein Bariton (zumal in der frühen Zeit) mit seraphischem Schmelz und vollendeter deklamatorischer Hingabe. Generationen haben versucht, dieses Timbre und diesen Stil zu kopieren. Und auch nach dem Ende seiner Gesangskarriere 1992 hat Dietrich Fischer-Dieskau, der im Mai 85 wird, niemals auch nur den Verdacht aufkommen lassen, er hätte nichts mehr zu tun. Dirigieren, rezitieren, malen, schreiben, unterrichten: Wer etwas zu sagen hat, dem scheint (fast) jedes Medium recht zu sein.

Der andere war der deutsche Dirigent des 20. Jahrhunderts und zweifellos eine tragische Gestalt. Wilhelm Furtwängler, der 1954 im Alter von nur 68 Jahren starb, der langjährige Chef der Berliner Philharmoniker, ein genuiner Pult-Pathetiker und -Mystiker, ein Geisteshüne, der von seinem Publikum die „totale Unterwerfung des Hörens“ forderte und zeitlebens darunter litt, als Komponist, der er auch war, nicht im gleichen Maße anerkannt zu sein. Furtwänglers Bekenntnis, während des Dritten Reichs „bei seinen Leuten“ bleiben zu wollen und also in Deutschland, hat ihm und der musikalischen Wirkungsästhetik, für die er stand und einstand, viel Zwielicht beschert. Eigentlich bis heute.

Nun hat der eine über den anderen ein Büchlein geschrieben: „Jupiter und ich. Begegnungen mit Furtwängler“ nennt Dietrich Fischer-Dieskau seine Erinnerungen und es ist ihm viel daran gelegen, den künstlerischen wie politischen Negativnimbus des „Fu“ aus persönlicher Anschauung zu relativieren. Sechs Anlässe führen die beiden Musiker Anfang der Fünfzigerjahre zusammen, in Salzburg, Wien, London und Berlin, von Mahlers Gesellen- und Kindertoten-Liedern über Brahms’ Deutsches Requiem und die legendäre „Tristan“-Aufnahme von 1952 (mit Kirsten Flagstad als Isolde) bis zur Matthäus-Passion ein Jahr später.

Als Interpret der Christus-Partie habe er vier Aufführungen gebraucht, klagt Dieskau, um sich in den von Furtwängler entfesselten „molochartigen“ Klangmassen zurechtzufinden – schon damals bei Bach ein Anachronismus. Just dieses Unzeitgemäße freilich dient dem Sängerschriftsteller über weite Strecken dazu, die Gegenwart zu geißeln. So rückhaltlos Furtwänglers Interpretationen bewundert würden (werden sie das?), behauptet Dieskau, „so wenig kann es in der heutigen Zeit – in welcher Musik häufig nur noch einen Vorwand abgibt für Unterhaltendes, Eitelkeit und industrielle Machtgier – um nichts anderes als den ,Ernst’ unbedingten Einsatzes gehen.“ Ein hartes Wort, schwurbelig vorgetragen und im Urteil sicher wohlfeil.

So redlich Dieskau sich bemüht, auch die Brüche und Widersprüche seines „Jupiters“ aufzuzeigen – Furtwängler, der Frauenschwarm, Furtwängler, der Kollegen vom Schlage eines Toscanini oder Bruno Walter wahlweise ins Museum oder in den Zirkus verwies –, der anhaltend kulturpessimistische Unterton lässt einen die Lektüre der knapp 70 Seiten doch ein wenig sauer werden. Eine Beethoven-Sinfonie soll heute weniger wert sein, nur weil sie mit besseren Instrumenten in besseren Sälen vorgetragen wird als im barmenden Nachkriegs-Berlin? Ein Mahler-Lied weniger zu Herzen gehen, weil nicht Furtwängler es dirigiert (und, pardon, nicht Dieskau es singt)?

Auch über 1945 hinaus habe Furtwängler den Menschen etwas von jener Existenzialität der Kunst vermitteln wollen, so lautet denn Fischer-Dieskaus Credo und Erkenntnis, die Voraussetzung sei, um Neues zu begründen. „Es ging diesem Interpreten um die Rettung von bereits Verlorenem in dem Augenblick, als unter der Propaganda der Nationalsozialisten eine verbindliche geistige Tradition nur in einer übergroßen Anstrengung zu bewahren war.“ Diese Anstrengung, so liest man zwischen den Zeilen, hat Wilhelm Furtwänglers Leben schicksalhaft geprägt und verkürzt. Ob der Glaube an den Humanismus als erstes Kontinuum unserer Geschichte einen Künstler politisch rehabilitiert, muss offen bleiben.

Dietrich Fischer-Dieskau: Jupiter und ich. Begegnungen mit Furtwängler. Berlin University Press, 69 Seiten, 19,90 €

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