Kultur : Der gute Mann von Buckow

Brechts typischster Schauspieler: Zum Tod von Ekkehard Schall

Christoph Funke

Geistige Energie war die bestimmende Eigenschaft aller Rollen, die Ekkehard Schall in einem langen Schauspielerleben verkörpert hat. Eine Energie, die sich im Körperlichen zu entladen versuchte und ausgefeilte Genauigkeit im Aufbau von charakterlichen Widersprüchen mit akrobatischer Gelenkigkeit verband. Schall war ein Intellektueller hohen Grades und ein Komödiant, der sich hartem, leidenschaftlichem Training unterwarf. Ehe er auf die Bühne ging, nahm er die Rolle durch, stellte sich den Anforderungen, die sie an Kopf und Körper stellte.

Schall nahm von seiner Impulsivität, auch wenn sie mitunter verstörte, nichts zurück. Es war eine hochgeladene Bereitschaft, die nicht nur die Figur selbst, sondern auch die gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie lebte, durchleuchten, überraschend offenbar machen wollte. Der Schauspieler wirkte als Lehrer, als Aufklärer, aber ohne jede Rechthaberei und blasse Didaktik, sondern mit einer hinreißenden, manchmal schon fast wütenden Präsenz. Das Berliner Ensemble, in dem er von 1952 bis Anfang der Neunzigerjahre spielte, hätte ohne diesen Schauspieler seine theaterhistorische Bedeutung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht gewinnen können.

Und doch, „ganze Kerle“ auf die Bühne zu bringen, war die Absicht Ekkehard Schalls eben nicht. Er hat die großen Rollen gespielt, nicht nur die von Brecht, aber er war auf ihre Extreme aus – und auf deren Unerklärbarkeit. Brechts Dialektik verstand der Schauspieler so, dass das Klare, Einfache, Verständliche nur möglich ist, wenn es als Ergebnis eines langwierigen Denkprozesses zu Tage tritt. Und diesen Denkprozess holte er in die Figuren hinein. Die Revolutionäre und die Diktatoren, die Politiker und die Händler, die Einfachen, die Pfiffigen und die Gelehrten – Schall legte sie bloß. Großartigkeit und Angst, Grausamkeit und Scham, Leidenschaft und Verzagtheit machte er zu Bausteinen von Menschen, die zu großen Entscheidungen gezwungen sind. Mit seinen Helden wollte Schall deutlich machen, wie Geschichte abläuft. Deshalb „baute“ er die Figuren vor den Augen der Zuschauer, und scheute sich nicht, den Montageprozess offen zu legen.

Seine eigentümliche Art, Texte zu zerhacken, Pausen in den Fluss poetischer Sprache zu bringen, irritierte mitunter, diente aber der Absicht, Aufmerksamkeit zu erzwingen, den Zuschauer zu fordern, Gefühligkeit zu zerstören. Weltruhm brachte Schall der „Arturo Ui“ (Berliner Ensemble 1959, danach mehr als 500 Mal gespielt). Das Aufbäumen zu schmierigem Pathos aus verschlagener Niedrigkeit verlieh der Figur das Gefährliche und entlarvte sie zugleich in ihrer erbärmlichen Feigheit. Diese Gratwanderung zwischen Faszination und Abscheu beherrschte der Schauspieler in einzigartiger Weise. Für George Tabori verkörperte er „mit seiner Kraft, seinem Witz, seiner Klarheit des Spiels den typischsten Brecht-Schauspieler“.

In Magdeburg am 29. Mai 1930 geboren, erhielt Schall die künstlerische Ausbildung am Schauspielstudio der Elbestadt, kam dann über Frankfurt/Oder und die Neue Bühne Berlin (später Maxim Gorki Theater) ans Berliner Ensemble, wo er einige Jahre, bis zum Tode des Dichters 1956, von Brecht lernen konnte. Der Eilif in „Mutter Courage und ihre Kinder“ war eine seiner ersten Rollen, ihr folgten Puntila, Galileo Galilei, Johann Faustus, Thersites, Wang im „Guten Menschen von Sezuan“ und viele andere. Ingesamt stand er über 6000 Mal auf der Bühne am Schiffbauerdamm.

Schall führte auch Regie, stand vor der Kamera und war von 1977 bis Anfang der neunziger Jahre auch stellvertretender Intendant. Der erste Schauspieler des Brecht-Theaters blieb natürlich von den Konflikten um die politische und ästhetische Ausrichtung des Theaters nicht verschont. Er musste schließlich erleben, dass ihm das Haus fremd wurde. Schall zog sich zurück – nicht in den Ruhestand. Er suchte sich andere große Aufgaben, und fand zu Rollengestaltungen von abgeklärter Reife und staunenswerter Ruhe. Besonders im kleinen „theater 89“ gelang ihm Außerordentliches. In „Bruch“ von Christoph Hein zeigte er 1999 einen Wissenschaftler, der im Stadium der Krankheit noch einmal Genialität und Verführungskunst, träumerischen Schwung und Herrschsucht zu mobilisieren versucht. 2003 dann verkörperte Ekkehard Schall den Physiker Niels Bohr (in „Kopenhagen“ von Michael Frayn) mit abgeklärter Ruhe und zugleich kindlich rumorender Begeisterungsfähigkeit: Das war eine seiner besten Leistungen. An einem kleinen, tapferen, anspruchsvollen Theater – die großen Bühnen hatten den großen Schauspieler vergessen. Im Alter von 75 Jahren ist Ekkehard Schall, der vor wenigen Jahren noch zum Schreiben fand, gestern gestorben. Neben Aufzeichnungen, die er „Meine Schule des Theaters“ (2001) nannte, veröffentlichte er auch Gedichte: vor drei Jahren das „Buckower Barometer“ (Insel) über den Ort, an dem er zusammen mit seiner Frau, der Brecht-Tochter Barbara, lebte – und erst in diesem Jahr autobiografische Lyrik mit dem sprechenden Titel: „auf mir ein Makel nun, wie sichs gehört“ (Janos Stekovics). Darin finden sich die Zeilen: „So lasse ich die Magdeburger Schatten / sowie den Sonnenschein, der mir vertraut / und alle Steine, die mich gerne hatten / sind anderswo verschüttet und verbaut.“

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