Kultur : Der Harte und die Zarte

Theatertraumpaar: Eine Berliner Ausstellung feiert Fritz Kortner und Johanna Hofer

Günther Grack

Präzision in der Ausdeutung eines dramatischen Textes – Priorität bei der Theaterarbeit für beide: Fritz Kortner und Peter Stein. Stein, einst Regieassistent bei Kortner, spricht zur Eröffnung der Berliner Kortner-Hofer-Ausstellung von dem „Furor", der den Meister bei der Beschäftigung mit Texten, alten wie neuen, angetrieben habe. Nicht um sture Texttreue sei es Kortner gegangen, sondern um einen Ausdruckswillen, der die Balance findet zwischen dem Kopf des Autors und dem Körper des Akteurs: „Auf den Effekt kommt es an." Der Redner auf dem Podium im Saal der Dresdner Bank unterhält sein Publikum, indem er launig exemplifiziert, wie verschieden sich das Schiller-Wort „Geben Sie Gedankenfreiheit!" betonen lässt. Er amüsiert mit Erinnerungen an seine Münchner Assistenz 1967 bei „Fräulein Julie": Um Kortners Sorge, das Requisit könne vom Zuschauer womöglich übersehen werden, zu entkräften, habe er gleich drei Rasiermesser beschafft, eines größer als das andere. Gegenüber dem „Probenterror" des alten Herrn – „abschreckend für mich Harmoniesüchtigen" – rühmt Stein Kortners Frau Johanna Hofer, die es verstanden habe, über den Tod ihres Mannes und Partners hinaus die „Zartheit" ihrer Erscheinung mit „Härte des Urteils" zu verbinden: „Kortner hat ein gewisses Nachleben gehabt in Gestalt seiner Johanna."

„Meine Frau rät! Nichts Entscheidendes in meinem mehr als dreißigjährigen Leben mit ihr ist ohne ihren Rat geschehen." Ein bemerkenswertes Kompliment, das Fritz Kortner da, zu Beginn seiner Erinnerungen „Aller Tage Abend", Johanna Hofer macht. Der eigenwillige Theatermann, als Schauspieler wie als Regisseur allenthalben gewohnt zu dominieren, würdigt ein zartes Wesen, das seine eigenen Stärken behutsam, in der Stille, zu entfalten weiß. „Lieblich, frauenhaft, aber etwas verlegen", so hatte Käthe Kollwitz 1909 ihre junge Nichte charakterisiert, die 1913 in ihrer Heimatstadt Berlin an Max Reinhardts Deutschem Theater ihr erstes Engagement erhielt, 1915 nach Frankfurt am Main wechselte und als Shakespeares Julia, Schillers Johanna, Goethes Gretchen mit eben jenen von der Kollwitz erkannten Eigenschaften rasch auf sich aufmerksam machte. 1920 wieder in Berlin, am Staatlichen Schauspielhaus, kam es dann in Fernand Crommelyncks „Maskenschnitzer" zum ersten Zusammenspiel mit dem vier Jahre älteren gebürtigen Wiener – in den Rollen eines Liebespaares. Kortner, rückblickend: „In dem Stück war sie so rührend, dass ich auf der Bühne ihr bezauberter Zuschauer wurde."

Die Beziehung der beiden Theatermenschen, 1924 durch Heirat bekräftigt, spiegelt sich in der Ausstellung wider, die von der Stiftung Archiv der Akademie der Künste in Kooperation mit der Dresdner Bank in deren Haus am Pariser Platz veranstaltet wird. Der prosaisch anmutende Titel „Die Kortner-Hofer-Künstler-Gmbh" spielt auf ein 1928 gegründetes Unternehmen des Ehepaares an, das zur finanziellen „Auswertung der schauspielerischen Tätigkeit", übrigens auch im Bereich des Films, dienen sollte.

Was diese „Kortner-Hofer-GesellschaftmbH" tatsächlich erbracht hat, sei dahingestellt – die Ausstellung selbst jedenfalls, mit der die Akademie die von ihr gehüteten Nachlässe Kortners und seiner Frau erstmals gemeinsam präsentiert, ist von hohem Informationswert. Es galt eine Auswahl zu treffen aus reichstem Material: Kortner betreffend aus 60 Archivkästen und 40000 Blatt, Hofer angehend aus 17 Kästen und 10000 Blatt. Insgesamt spannt sich ein Bogen der Theater- und Filmgeschichte von der Weimarer Republik über das Exil in London, New York und Hollywood bis in die, von Kortner so genannte, „nachhitlerische Zeit", die 23 Jahre von der Rückkehr 1947 ins Nachkriegsdeutschland bis zum Tod 1970 in München. Eine eigene Station der Ausstellung zeichnet Johanna Hofers Karriere in Theater und Film nach – mit einem Schwerpunkt auf den achtzehn Jahren, die sie ihren Mann überlebt hat. Ihre letzte Rolle war 1984 in Peter Steins Schaubühneninszenierung der „Drei Schwestern" die Anfissa, das greise Kinderfräulein, das sie dann ein allerletztes Mal 1988, kurz vor ihrem Tod, in der Fernsehaufzeichnung des Steinschen Tschechow verkörperte.

Zurück zu den Anfängen der Kortner-Hofer-Beziehung, als die beiden nicht nur Eintagsfliegen wie jenen „Maskenschnitzer" spielten, sondern auch Brocken wie „Othello" und „Richard III.". Ein Szenenfoto zeigt Hofer als bleiche, blonde Desdemona hingegossen, offenen Mundes ihre Seele aushauchend, unter dem prüfenden Blick des über sie gebeugten Kortnerschen Othello. Ein Rollenfoto des aus lauernden Augen spähenden, das Kinn machtlüstern vorschiebenden Thronräubers Richard macht deutlich, welche Faszination von diesem Shakespeare-Darsteller ausgehen musste. „Niemals", so der Kritiker Monty Jacobs, „wird Richards Werbung glaubhafter, als wenn Johanna Hofers kindhafter Prinzessin, vom Sturmwind des Sexus getragen, Kortners Begehren entgegenbrennt."

Ein harter Schnitt, und der Gipfelsturm des Schauspielers wird durch den Zwang zur Emigration gebremst. „Dieses kleine Fotoalbum hat Kortner immer bei sich getragen", heißt es zu dem schwarzen Lederetui, 6 mal 9 Zentimeter, das da in der Vitrine liegt. Daneben der Briefwechsel zwischen London und New York, zwischen Fritz und seinem Hannele, das ermahnt wird: „Erst einen Brief von Dir bekommen... zu wenig." Beim nächsten Mal unterschreibt sie: „Ausschließlich Deine Hanna." Die originalen Handschriften, auch die mit Bleistift ergänzten Rollenbücher, bringen die Personen nahe, akustisch ergänzt durch Ausschnitte aus Filmen und Tondokumenten, die einzeln abzurufen sind. An den Wänden rundum hängen Rahmen mit Fotos und Texten zu speziellen Themen – einer von ihnen sei hier pars pro toto genannt: Arthur Millers „ Tod des Handelsreisenden", 1950 im Berliner Hebbel-Theater von Helmut Käutner inszeniert mit Kortner und Hofer als Ehepaar Loman. Die Kritik im Tagesspiegel, nachzulesen unter Glas, schrieb damals Walther Karsch.

Dresdner Bank Pariser Platz, bis 16.2, Mo-Fr 10-17,Sa/So11-18Uhr.Katalog9,10Euro. Kino Arsenal: Kortner-Hofer-Filme, bis 6.2.

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