Kultur : Der Hauch, der Kuss, der Blick

KATRIN BETTINA MÜLLER

Einatmen, ausatmen, Dunkelheit, Licht.Mit dem Mund als Eingang und Ausgang der Welt in den Körper beginnt und endet die Ausstellung "Hooded.Bared." (Verhüllt / Entblößt) des schottischen Künstlerpaares Stephanie Smith und Edward Stewart.Der Titel, ein Zitat von Beckett, bezieht sich auf den Schlag der Augenlider, die die Augäpfel bedecken oder Licht in die Pupillen dringen lassen.Smith / Stewart haben die Perspektive etwas tiefer in den Körper hinein verlegt, lassen uns in ihren Videoinstallationen aus der Mundhöhle nach außen blicken: In "Inside out" hört man es in der Dunkelheit hauchen und fauchen, bis sich in der Tiefe des Raums ein schmaler Lichtspalt öffnet, der Mund.In "Vent", dem letzten Raum, haben sich die Atemgeräusche zum brausenden Sturm verstärkt, und man blickt in wandfüllende Helligkeit, von Zähnen begrenzt.

Atemnot, nach Luft schnappen, aus dem letzten Loch pfeifen: Sprachliche Bilder für existentiell bedrohliche Zustände des Körpers schießen einem durch den Kopf.Man denkt an den Atem der Schöpfung und an die Seele, die Gott zugleich mit der Luft dem Menschen eingehaucht hat.Unmittelbar gleiten die Empirie des eigenen Körperwissens und mythische Bilder ineinander.

Selten bringen Videoinstallationen ihr Thema so exakt auf den Punkt wie die Arbeiten von Smith und Stewart.Seit 1992 erforschen sie die Konditionierung der menschlichen Wahrnehmungdurch den Körper.In Berlin haben sie 1997 am Austauschprojekt "Korrespondenzen" der Berlinischen Galerie teilgenommen und sich in der Galerie Kacprzak vorgestellt.Sie schöpfen ihre Bilder aus der Intimität des Privaten, ohne exhibitionistisch zu sein.Sie erzählen von Gefährdung, Verletzbarkeit und Gewalt in den Abhängigkeiten der Liebe, ohne voyeuristisch zu werden.Sie spüren der Konstitution von Identität dort nach, wo sich Psychoanalyse und Philosophie berühren.

In der zweiteiligen Arbeit "Sustain" (Aushalten) liegt Edward Stewart mit geöffneten Augen unter Wasser.Jedesmal, wenn er die Luft länger nicht anhalten kann und die aufsteigenden Blasen den glatten Wasserspiegel aufwirbeln, beugt sich Stephanie Smith über ihn und haucht ihm Atem ein.Die Bewegung erinnert an einen Kuß; doch was hier lebenserhaltend ist, wird in der zweiten Projektion bedrohlich.Dort saugt sie sich mit Küssen an seinen Oberkörper fest, bis er von Knutschflecken wie von Wunden übersät ist.Beide Aktionen sind aufgebaut wie ein klinischer Test, in dem Subjektivität und Leidenschaften nichts zu suchen haben.Dennoch verhandeln sie genau das, die Verzerrung der eigenen Identität unter den Bedingungen der Beziehung.

Fast alle ihre Arbeiten sind von Dualismen geprägt wie Licht / Dunkelheit, Ein- und Ausatmen, Aktivität / Passivität, Mann / Frau.Sie mystifizieren den Körper nicht als Natur, die in der Gesellschaft verbogen würde, sondern gehen vom Gegenüber als Voraussetzung für die Konstituierung des Selbst aus.Deshalb sind ihre Installationen oft spiegelbildlichen aufgebaut.Das unterscheidet sie von den Fiktionen des Authentischen und Ursprünglichen, die oft mit dem Körper in der Kunst einhergehen.

Neue Gesellscahft für Bildende Kunst, Oranienstraße 25, bis 18.April; Montag bis Sonnabend 12-18.30 Uhr, Sonntag 13-18.30 Uhr.

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