Kultur : Der Hauptdarsteller

Aus den Akten des US-Geheimdienstes: das erste Psychogramm Adolf Hitlers

Malte Lehming

Er ist impotent, ein Masochist, hat starke feminine Anteile in seinem Charakter, keine engen Freunde. In seinen öffentlichen Reden wirkt er wie ein primitiver Medizinmann oder Schamane. Er verkörpert die unausgesprochenen Nöte und Sehnsüchte seines Volkes. Aber er ist nicht nur auf Zerstörung aus. In seiner Natur liegt auch ein tiefer kreativer Zug. „Er ist der Autor und Hauptdarsteller eines großen Dramas.“

Das erste Psychogramm Adolf Hitlers ist aufgetaucht. Es heißt „Analysis of the Personality of Adolph Hitler“, ist 53 Seiten lang, im Ton apodiktisch, im Urteil klar. Verfasst wurde es 1943 von Henry A. Murray, einem prominenten Psychologen der Harvard-Universität. Der Auftraggeber war das „Office of Strategic Services“ (OSS), ein Vorläufer des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA. Das Dokument, Exemplar Nummer drei von insgesamt nur dreißig Kopien, war lange Zeit geheim. Vor einigen Jahren wurde es freigegeben, aber erst jetzt in den Archiven entdeckt. Jetzt hat es die Cornell University der Öffentlichkeit zugänglich gemacht (www.lawschool.cornell.edu/library/donovan/hitler).

Das vertrauliche Memorandum besteht aus vier Teilen. Erstens: eine kurze Analyse von Hitlers Persönlichkeit. Zweitens: Vorhersagen über Hitlers Verhalten. Drittens: Vorschläge für die Behandlung Hitlers. Viertens: Vorschläge für die Behandlung des deutschen Volkes. Über den „Führer“ erfahren wir kaum Neues. Interessant ist der Fund, weil er einen ungefilterten Eindruck von der politischen Stimmung gegenüber Nazi-Deutschland in maßgeblichen Zirkeln der USA wiedergibt. Offenbar bildete das Murray-Papier die Grundlage für spätere Studien.

Bei Hitler selbst werden mehrere psychische Störungen diagnostiziert. Er unterdrückt seine Homosexualität, ist ein „stark kompensierender Typ“ und leidet unter „Syphilophobia“, einer diffusen Angst, sich durch Geschlechtsverkehr mit Frauen zu infizieren. Seinen Vater hat er „gehasst und respektiert“, seine Mutter „geliebt und verachtet“. Außerdem weist der Narzisst alle Symptome eines „paranioden Schizophrenikers“ auf: Hypersensibilität, Angstattacken, irrationale Eifersucht, Verfolgungswahn, Glaube an die eigene Omnipotenz und das Auserwähltsein.

Sein Charakter indes ist schwach. In die Enge getrieben, prognostiziert Murray, wird er rasch zusammenbrechen und vermutlich theatralisch Selbstmord begehen. Das indes wäre aus US-Sicht das schlimmste Resultat, weil Hitler dadurch zum Märtyrer würde. Also solle man einen Trick anwenden und über Berchtesgaden Tausende von Flugblättern abwerfen. In denen solle Selbstmord als Schwäche karikiert und Hitler, der Napoleon verehrte, eine Verbannung nach Helena versprochen werden. Wenn es gelingt, ihn daraufhin zu verhaften, möge man ihn in eine psychiatrische Klinik stecken und heimlich filmen. Die Aufnahmen solle man dann den Deutschen vorspielen, um Hitler zu entmystifizieren.

Trotzdem: Deren Umerziehung werde nicht leicht, glaubt Murray. Die deutsche Charakterstruktur sei gekennzeichnet durch den Wunsch zu gehorchen, sich zu opfern. Werde ihnen das geboten, „sind sie glücklich und gesund“. Also müsse nach dem Sieg über das „Dritte Reich“ eine größere Einheit geschaffen werden, eine Art Vereinte Nationen, zu der die Deutschen aufgucken könnten. Das wäre die effektivste Form, um die Deutschen zu konvertieren. Gut wäre es, möglichst oft ihre Musik, die Kultur zu loben. Die Sympathien für den Nationalsozialismus dagegen müssten die Alliierten als „gewalttätiges, ansteckendes Fieber“ interpretieren. In den Deutschen müsste der Glaube erweckt werden, das Opfer falscher Propheten gewesen zu sein. Nur so gäbe es Hoffnung auf Heilung.

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