Kultur : Der heilige Quälgeist

Rock ’n’ Roll ist tödlich, Rock ’n’ Roll ist unsterblich: Patti Smith triumphiert zur Eröffnung der Ruhr-Triennale

Rüdiger Schaper

Es gibt Neuigkeiten von Patti Smith, nach all den Jahren. In Paris hat man ihr diesen Sommer den Staatsorden „Commandeur des Arts et des Lettres“ umgehängt, in London hat sie bei dem von ihr selbst kuratierten Meltdown Festival das Album „Horses“ von 1975 neu eingespielt, mit dem sie damals über Nacht in den Rock ’n’ Roll-Orbit aufstieg. Sie war bei Christoph Schlingensief in Bayreuth, auf dem Grünen Hügel Richard Wagners – und man hört, dass sie über die Schlingensief-Connection mit der Berliner Volksbühne für ein Projekt im Gespräch sei.

Große Neuigkeiten, ja! Aber die Helden, die Geister jener Zeit, als die Jugend Rockmusik war und die Rockmusik rebellisch, haben nun einmal die verdammte, wunderbare Pflicht, mit ihrem (klassischen) Werk umzugehen, wenn sie denn ihre vulkanische Phase überlebt haben; und Patti Smith wurde vom Leben geschlagen wie Hiob im Alten Testament.

Als Kind wollte sie Opernsängerin werden. Bis sie eines Tages Little Richard hörte. Als Zwanzigjährige schrieb sie Poeme im Geiste Rimbauds – und beschloss, den Rock ’n’ Roll zu retten. Jim Morrison starb, Jimi Hendrix starb (in seinem Electric-Ladyland-Studio in New York nahm sie „Horses“ auf), Bob Dylan näherte sich dem Orkus. Zweifellos ein historischer Moment, als die zarte Teufelsbraut aus New Jersey mit den verschatteten Augen, dem edlen Pferdeprofil und dem schlackernden Männeranzug das Kommando übernahm. Ein halbes Jahrzehnt später, und sie schien verglüht.

Wie kann man nicht ins Philosophieren kommen, wie könnte man keine weichen Knie haben, selbst wenn man bequem auf einem Stuhl sitzt, Sonnabend um zehn, in der Bochumer Jahrhunderthalle, und Patti Smith betritt die Bühne! Was man von ihr besitzt, ist ein Haufen Erinnerungen an Mädchen, die wegen Patti Feminstinnen wurden – und Vinyl. Existenzialismus in reinster Form: Das Älterwerden war der Rockmusik an der Wiege nicht gesungen. Nur hier gibt es keine Trennung von Interpret und Material, vom Erfinder und seiner Maschine.

Und es ist die alte Maschine, die sie anwerfen, zum Auftakt der Ruhr-Triennale. Gitarrist Lenny Kaye und Schlagzeuger Jay Dee Daugherty haben schon vor drei Dekaden bei „Horses“ für Patti Smith gespielt, ebenso Tom Verlaine, der mit der legendären Band „Television“ Geschichte machte. Verlaine sitzt hinten auf einem Stuhl, spielt weiche E-Gitarren-Schnörkel vom Notenblatt, raucht. Wie ein Stück Familienmobiliar.

In den kommenden anderthalb Stunden wird sie sich auf „Horses“ konzentrieren. Die Songs von ihrem nun wirklich klassisch zu nennenden Debütalbum bilden das Rückgrat eines Auftritts, der verhalten und traurig, aber auch nicht ohne Ironie (und Routine) beginnt. „Redondo Beach“: eine dieser archaischen, trotzigen Patti-Smith-Hymnen auf eine verlorene Liebe. Noch nichts ist entschieden. Wohin die Pferde ziehen...

Nach dem dritten Song explodiert das Konzert. Ein paar leise Tupfer auf dem E-Piano, das eine Inschrift in Großbuchstaben ziert: ELVIS LIVES. Ein hingehauchtes, traurig-süßes Versprechen (Every night before I go to sleep), und die Rakete zündet. Mein Gott, die Frau ist 58, sie wird doch nicht – und sie macht es! Ihre Hüften kreisen. Ihr androgynes Engelslächeln blitzt auf, ihre Stimme reißt sich los, die Band stürzt sich in einen kreischenden Galopp. „Free Money“, Erinnerungen an ihren Vater, an Kindheitsträumereien von Reichtum und Glück.

Jetzt wäre noch einmal Gelegenheit, tief Atem zu holen. Bald wird dafür keine Zeit mehr sein. Von einem Abend mit Poesie und Musik, womöglich unplugged, war die Rede gewesen – mitnichten! Patti Smith riskiert ein ausgewachsenes Rockkonzert, mit den alten Schlacht- und Schmachtfetzen. Niemand kann wie sie Liebe fordern, Sex, den befreienden Akt. „We Three“: eine gefährlich-geile Menage à trois. „25 th Floor/High on Rebellion“, „Ain’t it Strange“: Hart und charmant drückt sie dem Publikum, das sich von den Sitzen löst und zur Bühne drängt, ihr Brandzeichen auf. Man denkt: Sie wirft brennende Streichhölzer ins Dunkel, dorthin, wo eine ausgelebte, aber noch heftig brennbare Liebe sich versteckt.

Lenny Kaye fummelt ein leidenschaftliches Solo, und sie – sie bedrängt ihn mit ihrer Haut, die in einem romantischen Dichterkostüm steckt; gestreifte Hose in Wildlederstiefeln, schwarzes Jackett, weißes Hemd mit langen, heraushängenden Manschetten. Sie tänzelt um ihren Gitarristen, der den Rock ’n’ Roll gleichermaßen herauslässt wie zitiert. Zitat oder besser: Hommage (Hendrix! The Who!) ist auch, wie sie die E-Gitarre traktiert. Sie tritt neben sich, führt die junge, die alte Patti Smith spazieren, bis hinunter in den Saal, zwischen die tanzenden Menschen („Dancing Barefoot“). Zum Resonanzraum von ein, zwei Generationen wird hier die Zeit.

Neuigkeiten, in der Tat. Ein paar Kilometer entfernt, in Köln, betet Benedikt XVI. mit Hunderttausenden, und in Bochum grüßt Patti Smith, dieser heilige Quälgeist, mit freundlicher Geste den Papst. Nennt ihn einen guten, intelligenten Mann – und widmet ihm „Gloria“. Ihre blasphemische Ikone. Ja, sie bringt es. Sie genießt es, sie braucht es: Jesus died for somebody’s sins but not mine. Gloria in excelsis, Patti. Zuvor hat sie den mitsingenden Menschen (es wird doch noch eine Messe) „Because the Night“ geschenkt. Zugaben: „People Have the Power“, die immer schon etwas naive basisdemokratische Hymne. Und, große Überraschung, Dylans „Like A Rolling Stone“. Sie singt es herrlich klar, mit fast greifbarer Lebensfreude. How Does it Feel? Wir wollen uns erheben. Because the Night Belongs to Lovers.

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