Kultur : Der Heilige und der Wüstling

Das Leipziger Bachfest steigert sein internationales Prestige und entdeckt eine Barockoper von Melani

Jörg Königsdorf

Zumindest das Leipziger Beherbergungsgewerbe hat über den Status des Bachfestes seine Entscheidung gefällt: Nicht wenige Hotels verlangen für den Zeitraum des zehntägigen Festivals einen saftigen Zuschlag. Das Indiz zeigt, dass sich das jüngste unter den großen deutschen Musikfestivals als Touristenmagnet etabliert hat – für die Kulturtouristen aus Japan und Amerika ist die Stadt des Thomaskantors zum Fixpunkt ihrer Reiseplanung geworden. Eine Tendenz, die in diesem Jahr noch kräftig verstärkt worden ist: Dank einer Ausfallbürgschaft der Stadt konnte der Kontakt zu internationalen Reiseveranstaltern verstärkt werden – mit dem Erfolg, dass die Auslastung auf stolze 87 Prozent kletterte (gegenüber 75 Prozent im Jahr 2002) und dass 20 Prozent der Besucher aus dem Ausland kamen.

Gelockt werden die Touristen nicht nur durch den Originalschauplatz Thomaskirche, sondern auch durch die stadteigenen Kapazitäten Thomanerchor und Gewandhausorchester und Stars der Alt-Musik-Szene wie Ton Koopman, Gustav Leonhardt und Philippe Herreweghe. Dass dabei nicht nur Bach gespielt wird, ist Programm: Um den Eindruck einer Museumspflege des Bachschen Werkkanons zu verhindern, fährt das neue Leitungsteam, dem neben Thomanerkantor Christoph Biller auch der Bachforscher Christoph Wolff und Ex-Philharmoniker-Intendant Elmar Weingarten angehören, einen programmatischen Konfrontationskurs: Steht das nächste Jahr unter dem Motto „Bach und die Romantik“, wird 2005 gar „Bach und die Moderne“ aufgearbeitet.

Diesmal gab Alessandro Melanis Barockoper „L’empio punito“ die Kontrastfarbe ab: Das 1669 entstandene Stück hat mit Bach rein gar nichts zu tun, und als erste Vertonung des „Don Giovanni“-Stoffs eher vom musikhistorischem Interesse. Ein großer Komponist war Melani jedenfalls nicht. Im Leipziger Schauspielhaus gelingt es auch Christophe Rousset und seinem Ensemble „Les Talens Lyriques“ nicht, den Eindruck zweieinhalbstündiger deklamatorischer Monotonie zu widerlegen – von der theatralischen Vitalität der Opern Francesco Cavallis finden sich bei Melani nur Spurenelemente. Da sich auch die Regie des jungen Franzosen Eric Vigner darauf beschränkt, den herumstehenden Sängern eine aparte Kulisse zu bieten und die heillos verworrene Handlung nicht gerade klarer macht, wird das Stück wohl schnell wieder in der Versenkung verschwinden, in der es 300 Jahre lang ruhte.

Bleibt das Bachsche Werk selbst. Dass Philippe Herreweghe und sein fabelhaftes Collegium Vocale Gent an der h-moll-Messe eine ebenso packende wie stilistisch reflektierte Interpretation boten, gab dem Festival am Sonntagabend einen sinnigen Abschluss. Der flämische Dirigent sieht das Stück ganz aus der Perspektive vergeistigter Empfindsamkeit. Mit größtmöglicher Leichtigkeit zeigt Herreweghe nicht nur, dass Bach auch in seinem Spätwerk die neusten Kompositionstrends assimilierte, sondern trifft den geistigen Gehalt des Werks auf verblüffende Weise: Das filigrane Stimmgeflecht steht oft an der Schwelle der Auflösung, scheint in ein körperloses Licht zu transzendieren. Und die Erkenntnis, dass es in Bachs Musik bei aller Kunstfertigkeit am Ende doch um den Glauben geht, ist vielleicht das Beste, was im Konzert passieren kann.

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