Kultur : Der Heimatfilm hat Pate gestanden

KATJA REISSNER

Der Schweizer Künstler Erik Steinbrecher ist nicht gerade ein Newcomer.Er hat an der documenta X teilgenommen und gibt nun in der Galerie Barbara Weiss sein Debüt in Berlin.Typisch für seine Arbeit ist die Beiläufigkeit, mit der er von ihm selbst fotografierte, sowie vorgefundene, reproduzierte Motive einsetzt.In Kassel waren seine Bildfolgen auf den urbanen Ort und dessen Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg bezogen.Er erprobte damit die Wahrnehmung im Grenzbereich zwischen Alltag und Kunst und brachte die Bilder an einer Bushaltestelle an.Dort, wo sonst Werbetafeln gewesen wären, wirkten die Motive undeutlich, unspektakulär, in der Spannung zwischen historischem Bezug und Zeitlosigkeit.

Wenn der Künstler seine Arbeit nun in einer Galerie zeigt, ist den Bildfolgen eine andere Aufmerksamkeit sicher.Steinbrecher variierte ihre Präsentation.Nur in einem der Räume stehen die Bilder still und haben eine idyllisch-spießige Patina der Vergangenheit.In den anderen sind sie der Regie eines Wechsels unterworfen, der Betrachter muß diesem Rhythmus folgen.Immer geht es darum, ob es möglich ist, eine Geschichte aus den Bildfolgen zu konstruieren.Und immer scheinen sie sich solchen Bedürfnissen nach Bedeutsamkeit so gerade eben zu entziehen.Sie können sich idyllisch geben oder cool und hot.Die Replik auf das schweizerische Ambiente mit Almhütte, Jäger, perlendem Spinnennetz und Anwesen in der Berglandschaft ist von idyllischer Leere.Da hat der Heimatfilm Pate gestanden.

Doch nebenan, wo die Motive rasch hintereinander auf den Monitoren vorbeiziehen, ist diese anheimelnde Atmosphäre einer kühlen und glatten Präsentation gewichen.Ein leeres Hotelzimmer, ein weiblicher Körper mit bloßen Schultern im Bett, ein Tablett mit chirurgischen Instrumenten.Ehe sich die Fiktion im Kopf an eines der Bilder hängt, sind sie alle noch einmal durchgelaufen; so als solle die tägliche Dosis Sex and Crime, die der Konsument braucht, aus dem Gehirn gewaschen werden.

Das ist die coole Variante, die heiße findet auf einem Screen statt, der ständig das Motiv wechselt und in seine Rasterstruktur auflöst.Der warme Grundton und die besondere Technik scheinen die Bilder zu verflüssigen.Sie haben eine andere atmosphärische Qualität, die sich auf den emotionalen Grad der Wahrnehmung überträgt.Die Oberfläche vibriert, und man vermutet eine geheime Diabolik bei den sich aalenden Körpern auf Sonnenbänken nahe dem Pool.Aber auch hier ist es nichts mit Lüsternheit und Verbrechen.Es baut sich eine Spannung auf, die nicht erlöst wird, sondern ausgewechselt wird gegen eine neue Sequenz.Keine Historie, keine Emotionen.Was wird Steinbrecher als nächstes tun, wenn er seine Bilder so weit ausgehungert hat, daß sie sich auflösen?

Galerie Barbara Weiss, Potsdamer Straße 93, bis 27.Juni; Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.

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