Kultur : Der heimliche Zeuge

VOLKER STRAEBEL

Obwohl Karlheinz Stockhausen nicht auf dem Programm der 170.Musik der Gegenwart stand, die das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Peter Hirsch im SFB-Sendesaal gab, schien sein Werk als Referenzpunkt den Abend zu bestimmen.Luigi Nonos "Composizione uno per orchestra" folgte 1951 ganz der expressiv spätromantischen Tradition der Zweiten Wiener Schule und stellte sich damit der pointillistischen Webern-Rezeption Darmstadts entgegen.Der spätere Bruch mit Stockhausen war somit schon hier, fünf Jahre vor dem "Canto sospeso", angelegt.Hirsch und das DSO kümmerten antiromantische Skrupel wenig.Bereits mit der der zarten Einleitung folgenden weitintervalligen Streicherlinie bekannten sie sich zu einer eindringlich emotionalen Deutung des Werkes, die der Umsetzung des differenzierten Klangfarbenverlaufes nicht immer dienlich war.Dafür gelang auf diese Weise überzeugend die Integration des Geräusches in den musikalischen Verlauf, etwa die befreite Perkussionsstelle des dritten Teils.

Sein "Souvenir für 41 Instrumente" schrieb Helmut Lachenmann 1959 am Ende seiner Studienzeit bei Nono und kombinierte darin dessen serielle Verfahren mit einem prozeßhaft wuchernden Formmodell.Dem im Vergleich zur "Composizione" überraschend sachlichen Stück folgten die Musiker des DSO noch konzentriert, ehe sie in Lachenmanns Klavierkonzert "Ausklang" (1985) der energischen und dennoch klangsensibel agierenden Yukiko Sugawara wenig motiviert sekundierten.Wie in Stockhausens Klavierstück X (1961) stellen hier die beim Verklingen entstehenden Resonanz- und Schattenklänge das eigentliche musikalische Material, das aus gestischen Verläufen und wilden Klavierglissandi kondensiert.Leider gelang es Hirsch nicht, das DSO über die Dreiviertelstunde des längst klassisch gewordenen Werkes zur nötigen Spannung zu animieren.

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