Kultur : Der heiße Atem der Enttäuschung

Neil Young hat in zehn Tagen ein galliges Anti-Bush-Album aufgenommen und ins Internet gestellt. Jetzt erscheint „Living with War“ als CD

Kai Müller

Drei Dinge, die man mit alten Hippies nicht machen soll: ihnen in den Bart spucken und sagen, es sei Raureif; ihnen den Kopf aufbohren, um nachzusehen, was drin ist; und ihnen Särge toter GIs zeigen, in denen ihre eigenen Enkel liegen könnten. Vor allem Letzteres aktiviert alte Reflexe. Man erlebt dann überraschenderweise, dass Hippies ganz schön laut werden können. Rengeldengel macht es denn auch, wenn Neil Young seine E-Gitarre einstöpselt und wuchtige Akkorde aus den Saiten meißelt. Er treibt das Schlagzeug vor sich her und singt: „Won’t need no shadow man/ Running the Gouvernement/ Won’t need no stinking waaar ...“ Die Gitarre trägt diesen Krieg in sich als grummelndes, pfeifendes Inferno. Youngs unverkennbar helle Fistelstimme droht ständig überrollt zu werden von den Schallschrapnells, die sein Instrument in den Raum katapultiert. Dabei geht es um eine Vertreibung. Was werden die Menschen denken, fragt Neil Young mit dem heiligen Zorn eines betrogenen Mannes, wenn das Paradies zerfallen ist?

Das neue Album von Neil Young trägt nicht nur einen martialischen Titel, „Living with War“, sondern auch Züge einer Rache. Erst hat der ewige Grantler, den viele wegen seiner mürrischen Unberechenbarkeit für einen Rebellen halten, jahrelang alles recht vernünftig gefunden, was die Bush-Regierung im „Kampf gegen den Terror“ und im Namen des „Patriot Act“ an Rechtsbeschränkungen durchgesetzt hat. Aber plötzlich kann es ihm gar nicht schnell genug gehen, Bush und seine Schattenmänner zu verdammen. So hat „Living with War“ denn auch etwas überhastet Galliges. In nur zehn Tagen soll Young die Platte eingespielt haben, bereits ein halbes Jahr nach seinem gediegen-folkigen „Prairie Wind“ wird sie verbreitet – zunächst übers Internet, wo die zehn Songs per Livestream kostenlos angehört werden können (www.hyfntrak.com/neilyoung2/AFF23130/), und jetzt auch im Handel.

Als „Metal Folk Protest“ beschreibt der 60-jährige Young seine wutschnaubende Abrechnung mit der Bush-Ära. Einen Verweis auf Bob Dylan, den Erfinder dieses musikalischen Aufbegehrens, hat er kaum verhüllt in seinem Album platziert. Sein „Flags of Freedom“ spielt auf „Chimes of Freedom“ an und mündet in die heftig diskutierte Forderung nach einer Amtsenthebung des Präsidenten: „Let’s impeach the president for lyin’/ Misleading our country into war/ Abusing all the power that we gave him/ And shipping all our money out the door.“

So deutlich hat sich bislang kaum ein Popkünstler dem Kurs des Weißen Hauses entgegengestellt. Nicht einmal Young selbst, der mit Songs wie „Ohio“, „Cortez the Killer“ oder „Are You Ready For The Country?“ schon sublimere Hasstiraden auf Machthaber und ihren Schlachtenlärm gesungen hat. Aber nun war es wohl an der Zeit. „Gewiss enthält ,Living with War‘ die schärfsten Angriffe auf einen US-Präsidenten, seit die Ramones in den späten Achtzigern ,Bonzo Goes To Bitburg‘ aufnahmen“, weiß der Bush-freundliche Sender „Fox News“ zu berichten und giftet: Neil Young sei „reich und berühmt, weil ihn das Land, das er beschmutzt, dazu gemacht hat“.

Schuld an der sich über zehn Songs erstreckenden Abrechnung war Neil Young zufolge eine Ausgabe von „USA Today“. Dessen Titelblatt zeigte ein fliegendes Militärhospital, in dem verwundete US-Soldaten operiert wurden: „Die Bildunterschrift sagte irgendwas über die medizinischen Fortschritte als Resultat des Irakkrieges. Das hat mich kalt erwischt.“ So schrieb er denn „Families“, ein Lied über jene Soldaten, die es nicht mehr nach Hause geschafft haben. Danach, sagt er, habe er in den Armen seiner Frau gelegen und geweint. „Es war der Wendepunkt für mich.“

Neil Youngs Läuterung kommt spät. Über 2300 Gefallene beklagen die USA im Irak bereits. Und sehr originell ist das Bush-Bashing auch nicht mehr, nachdem die Rolling Stones „Sweet Neocon“ veröffentlichten, Pink mit „Dear Mr. President“ in dieselbe Kerbe schlug, Paul Simon („Wartime“) und Pearl Jam („World Wide Suicide“) sich an der bigotten Kriegsverehrung abarbeiten. Schon vor zwei Jahren engagierten sich Kollegen wie Michael Stipe, Bruce Springsteen und John Mellencamp für die Abwahl Bushs. Damals winkte Young stets ab: „Fragen Sie mich bloß nicht nach Politik!“. Unter dem Eindruck des 11. Septembers hatte er eine patriotische Hymne auf die Insassen des United-93-Fluges geschrieben, die sich gegen ihre Kidnapper erhoben („Let’s Roll“). Seine markige Botschaft: „You’ve got to turn on evil,/ When it’s coming after you.“

Ein Peacenick ist Neil Young nie gewesen. Einer seiner berührendsten Songs erzählt davon, wie ein Liebender seine Freundin erschießt, unten am Fluss, weil die ihn angeblich hintergangen hat.

Auch „Living with War“ ist vom heißen Atem der Enttäuschung durchweht. Denn mehr noch, als dass ihm der politische Kurs des Präsidenten nicht passt, erzürnt Young, dass er sich hat hinters Licht führen lassen. Neben einem „Powertrio mit Trompete“, wie er seine eilig einberufene Studioformation bezeichnet, bietet er auch einen 100-köpfigen Chor auf. Und das durchaus in griechischer Tradition, in der die Krise der Polis durch das Eingreifen von des Volkes Stimme bewältigt wird.

„America The Beautiful“ jauchzt das Ensemble in blecherner Verzückung: eine Verneigung vor den Selbstheilungskräften dieser Demokratie. Mögen harsche Kritiker dem gebürtigen Kanadier Young nun auch das Verlassen der USA empfehlen: Seine Musik ist so tief im amerikanischen Mythenschatz und dessen Prinzip des Leadership verankert, dass er sich dem Land mit dieser Platte nur umso stärker zuwendet. Schon räsoniert er, wer als Nächstes die Geschicke lenken könnte, „vielleicht mal eine Frau oder ein Schwarzer“.

Trotz des deklamatorischen Tonfalls entfaltet „Living with War“ einen unwiderstehlichen Sog. Da schneidet die Gitarre roh und böse durch grollende Beats, Beckenschläge zischen, und man glaubt tatsächlich auf den Schwingen einer Taube dem Teufel nachzujagen, wie „Let’s Roll“ es angekündigt hatte. Über ein paar allzu rührselige Stellen muss man hinweghören, auch hat beinahe jedes Riff seinen Vorläufer auf irgendeiner anderen Young-Platte. Und man kann sich dazudenken, was Young nicht erzählt: Dass die meisten Opfer des Krieges Iraker sind. Der düstere Puls dieses aufregend unfertigen, mergelnden Werks bohrt sich einem ins Herz.

Neil Youngs Album „Living with War“ ist diese Woche bei Warner Music erschienen.

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