Kultur : Der Held von Leipzig

Urania-Medaille für den Dirigenten Kurt Masur

von
Foto: dpa Foto: dpa
Foto: dpaFoto: dpa

Allein sein Auftritt. Kerzengerade lassen Kurt Masur und seine Frau Tomoko Sakurai bei der Berliner Verleihung der Urania-Medaille das Blitzlichtgewitter über sich ergehen. Dass er am Vortag vom Dirigentenpult des Konzertsaals in Essen gestürzt ist – wer redet noch davon? „Von diesen Dingen wird zu viel Aufhebens gemacht“, sagt er. „Man stolpert eben mal.“ Das ist typisch Masur: das Nüchterne, das Ruhen in sich selbst, die knorrige Zähigkeit, der trockene Realitätssinn, wohl ein Erbe seiner schlesischen Herkunft.

Lange liegt sie zurück, Masurs Jugend in Brieg, das heute Brzeg heißt. Inzwischen ist der Dirigent 82 Jahre alt und blickt auf ein erfülltes Musikerleben zurück. Geehrt wurde er am Freitagabend in der Urania nun für sein künstlerisches Lebenswerk sowie für seine Verdienste um Demokratie und Freiheit in Deutschland. Die Medaille wird jedes Jahr an Persönlichkeiten verliehen, die sich über ihr Fachgebiet hinaus um die Zivilgesellschaft verdient gemacht haben: 2009 ging sie an Hans-Dietrich Genscher.

Kurt Masur erhält sie nun als einer der Helden von Leipzig: Im Oktober 1989, als befüchtet wurde, dass Polizei oder Armee in Leipzig auf die Montags-Demonstranten schießen könnten, hatte er mit sechs weiteren Prominenten den Aufruf „Keine Gewalt“ verfasst. So trug er dazu bei, dass die Revolution eine friedliche blieb. So sind es auch Politiker und nicht Musiker, die die Festansprachen halten: Sachsens früherer Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und Berlins Regierender Bürgermeister. Auch wenn Klaus Wowereits Anwesenheit einen anderen Schluss nahelegt: Berlin ist in Masurs Biografie ein Nebenschauplatz geblieben. Zwar arbeitete er vier prägende Jahre mit Walter Felsenstein an der Komischen Oper und dirigiert noch immer die Philharmoniker oder das RundfunkSinfonieorchester. Aber die Fixsterne seiner Karriere sind doch das Gewandhaus Leipzig und nach dem Mauerfall der westliche Dreiklang aus New Yorker Philharmonikern, dem London Philharmonic Orchestra und dem Orchestre National de France, dessen Chefposten er mit 75 Jahren übernahm.

Das Attribut Stardirigent, mit dem die Urania ihn anlässlich der Verleihung auszeichnet, hätte Masur selbst kaum gewählt. „Meine Aufgabe besteht darin, dass sich jeder im Orchester gleich wichtig fühlt“, sagt er im Gespräch. „Ich bin nicht die Hauptperson.“ Die Kapellmeistertradition, die auch ihm manchmal anhaftet, habe früher oft etwas Diktatorisches gehabt und dazu geführt, dass sich auch schlechte Dirigenten halten konnten. „Heute haben wir eine Orchesterdemokratie. Ich empfinde das als Fortschritt. Ein Dirigent muss sich den Respekt erarbeiten.“

Wenn es um die Zukunft der deutschen Musikkultur geht und um die musikalische Bildung, sieht Kurt Masur allerdings keinen Fortschritt. Er ist im Gegenteil voller Sorge um sie. „Aus Asien, vor allem aus China, kommen Armeen von Musikern auf uns zu, die eine Beethoven-Sonate in einer Nacht lernen. Unsere Jugendlichen können sich diese Besessenheit nicht mehr vorstellen. Diese Begeisterungsfähigkeit haben wir verloren.“

Genau das betont er auch kurze Zeit später am Rednerpult, als er seine berührend persönliche, schlicht gehaltene Ansprache mit dem Appell beendet: „Stoppen Sie den Abbau von Musikunterricht an den Schulen. Machen Sie Jugendliche wieder singfähig. Sie werden es in sich tragen, ein ganzes Leben. Wir müssen aufhören, uns schuldig zu fühlen für unsere Vergangenheit, und wieder die Rolle einer Kulturnation einnehmen. Als solche kennt uns die ganze Welt.“ Eine Kämpfernatur ist Kurt Masur bis heute. Udo Badelt

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben