Kultur : Der hellste Fleck

Berlin – Tokio: Ausstellung über die künstlerischen Wechselbeziehungen beider Städte geplant

Bernhard Schulz

Umgerechnet drei Milliarden Euro, so heißt es, habe sich der Immobilien-Mogul Minoru Mori (69) das Monument seiner Bauwut kosten lassen, den 54 Stockwerke hochschießenden Mori Tower mitten im fashionablen Tokioter Stadtteil Roppongi. „Roppongi Hills“ heißt der Gesamtkomplex, zu dem ein luxuriöses Hotel, eine Freiluftarena, Einkaufspassagen und, und, und zählen. Der Clou aber ist das Mori Art Museum (MAM), untergebracht in zwei Stockwerken direkt unterhalb der 54. und obersten Etage des 238 Meter hohen Turms, wobei „Stockwerk“ hier großzügig hohe, eben museumsmäßige Räume meint – gestaltet von Richard Gluckman, der bereits der Deutschen Guggenheim Berlin ein geradezu klassisches Flair besorgt hat. Rings um die Museumsräume zieht sich eine Aussichtsgalerie, die einen faszinierenden Rundblick auf die über alle Horizonte hinausfließende Megacity Tokio erlaubt.

Zum Direktor des vor anderthalb Jahren eröffneten Museums hat Mori sich den international versierten Briten David Elliott (55) erkoren, zuvor Leiter des Moderna Museet in Stockholm. Jetzt plant Elliott gemeinsam mit der Berliner Nationalgalerie „Berlin–Tokio/Tokio–Berlin“, die im kommenden Januar im MAM Premiere haben wird, bevor sie im Juni 2006 in die Neue Nationalgalerie wechselt. Das erinnert an die legendären Ausstellungen des Pariser Centre Pompidou Ende der Siebzigerjahre wie „Paris – Berlin“, so Elliott beim Informationsgespräch in seinem Tokioter Büro, das sich bescheiden im 17. Stock verbirgt. Seine Ausstellung soll ganz einfach „die Geschichte erzählen“, die eine Geschichte „faszinierender Parallelen zwischen beiden Städten“ sei. Das macht neugierig: Denn dass sich Berlin ausgerechnet mit Tokio vergleichen ließe, muss man erst noch lernen.

Es wird also eine Ausstellung voller Entdeckungen werden. Vieles hat von Berlin aus auf die neue, erst 1868 erkorene japanische Hauptstadt ausgestrahlt – die damit drei Jahre Vorsprung auf Berlin hat, das erst 1871 Hauptstadt eines geeinten Deutschen Reiches wurde. Das gilt für den Jugendstil, für die Dada-Bewegung, die in Tokio einen veritablen Ableger fand, für den Expressionismus und natürlich für Bauhaus und Neues Bauen, die umgekehrt von der japanischen Architekturtradition beeinflusst wurden. Wusste man, dass die berühmte und folgenreiche „Film und Foto“-Ausstellung von 1929 zwei Jahre später auch in Tokio gastierte?

Da ist, wie Elliott mit der Begeisterung des Fährtensuchers einräumt, noch manche Forschungsarbeit zu leisten. In den Jahren von Fluxus und Neo-Dada, grob gerechnet im Jahrzehnt zwischen 1955 und 1965, habe sich Tokio „auf dem absoluten Höhepunkt der Kreativität“ befunden. Der unmittelbare Künstleraustausch schließt sich an, da kommt der „daad“ mit seinem Berliner Künstlerprogramm ins Spiel. Zahlreiche Stipendiaten blieben an der Spree – heute kommen junge Künstler ohne Stipendium nach Berlin, angelockt von der spezifischen Szene der Stadt, aber auch von den im Vergleich zum sündhaft teuren Tokio moderaten Lebenshaltungskosten. Während sich in Berlin die Kunstszene nahe der Mitte konzentriert, ist sie in Tokio auf die halbwegs bezahlbaren Außenbezirke verstreut – aber was heißt in dieser Megacity schon Außenbezirk!

Der Austausch mit Berlin soll auch der Touristenwerbung dienen. Bislang verzeichnet das MAM weniger als zehn Prozent internationaler Besucher. Das müsste zu verbessern sein – zumal in Verbindung mit dem überwältigenden Rundumblick auf diese Stadt des 21. Jahrhunderts. Hinter David Elliotts Bürofenster ist es mittlerweile dunkel geworden. Bis in die fernste Ferne blinken die Autos und Leuchtreklamen der Lichterstadt Tokio, dieses auf Satellitenfotos hellsten Flecks der ganzen Erde.

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