Kultur : Der Herbst des Patriarchen

Schön sterben: Filme von Denys Arcand, Vincent Gallo und Michael Haneke in Cannes

Jan Schulz-Ojala

Ein Wohlfühlfilm über das Sterben? Massenweise soziohistoriophilosophische Monound Dialoge, vorgetragen vom Personal einer Soap? Ein Film, der sich über Amerika, über den Papst, über das Alter und die Jugend, über Masturbation und Seitensprünge und Lebenslügen lustig macht und dabei fortwährend zu Tränen rührt: So was soll plötzlich Chancen haben auf die Goldene oder zumindest eine zweitgoldenste Palme?

Im verrückten Cannes des Jahrgangs 2003 ist alles möglich. Oben auf dem Favoritentreppchen thront zwar nach wie vor mit Lars von Trier der neue Hohepriester des düster-genialischen Theaterkunstfilms; kann aber auch sein, dass einer wie Denys Arcand oder sonst wer, den niemand auf der Rechnung hat, das dänische „Dogville“ wegfegt mit leichter Gebärde. Hauptsache: leicht – nach all dem Scheinschweren, Untiefen, bramarbasierend Bedeutsamen dieser Tage. „Les invasions barbares“ heißt der federleichte Film des 62-jährigen Frankokanadiers Denys Arcand; und er spielt damit auf eine These seines Helden an, am 11. September hätten die Barbaren im US-Imperium nur ein erstes Mal angeklopft. Besser könnte er, nach einer Francoise-Hardy-Liedzeile im Abspann, „Les amitiés sincères“ heißen – denn er mag vom Sterben handeln, preisen tut er vor allem echte Freundschaft, wahre Liebe, kurz: das Leben.

Alles fängt damit an, dass der Mittfünfziger Rémy (Rémy Girard), frisch pensionierter Geschichtsdozent und halbwegs restverheirateter Ex-Womanizer, plötzlich ins Krankenhaus muss. Und schon ist fast alles zu Ende. Also eilt der steinreiche Broker-Sohn aus London herbei und trommelt, obwohl ihn mit dem Vater seit langem nur mehr jeweilige herzliche Indifferenz vereint, allerlei alte Freunde und abgelegte Mätressen zum Abschied zusammen. Auch sonst kümmert er sich bald dynamisch um das Wohlergehen seines Alten: schmiert Krankenhausleitung und Gewerkschaft zwecks Renovierung eines Einzelzimmers und organisiert, als es dem Tod entgegengeht, beim Dealer Heroin. Auch für die Sterbehelferin sorgt er verantwortungsbewusst: Eine Ex-Freundin, seit Jahren Junkie, verabreicht Rémy fachgerecht die Überdosis.

Das alles schreibt und liest sich hanebüchen – und sieht sich doch so wunderbar entspannt an. Denn die Entourage des Patriarchen, eines übriggebliebenen Sozialisten, der so heftig gegen Bush und Pius XII. wettert, wie er angesichts amouröser Erinnerungen sentimental werden kann, nimmt sich selbst nicht sonderlich ernst. Man ist in Würde alt geworden, also im Bewusstsein eigener Lächerlichkeit. Man hat alle Denkmoden, alle -ismen – „nur nicht den Kretinismus!“ – mitgemacht, und man ist doch bei sich, also: im Unfertigen geblieben. So bereiten die Freunde ihrem Freund, erst in der Klinik und dann im einem Blockhaus am See, den schönsten Abschied, der sich ausdenken lässt – und machen nebenbei vielleicht auch die Angst vor dem eigenen Tod ein bisschen kleiner.

„Les invasions barbares“, zu dem Arcand auch selbst das Drehbuch schrieb, wurde am Mittwoch bei der Pressevorführung ebenso dankbar wie stürmisch gefeiert – ein Trost nach Tagen angestrengten Tiefsinns und sonstiger kinematografischer Trübsal. Am Abend zuvor noch, bei Vincent Gallos „The Brown Bunny“, hatten die Journalisten sich der freundlichen Geiselnahme, die die Besichtigung eines Wettbewerbs auch bedeuten kann, noch grausam erwehrt: mit Szenenapplaus aus ausschließlich zynischen Motiven. Wie bitte, dieser von Gallo fast im Alleingang produzierte Film sollte – neben Gus van Sants merkwürdiger College-Collage „Elephant“ und Clint Eastwoods „Mystic River“ (Premiere am Freitag) Amerikas dritter Beitrag im Wettbewerb sein?

Gallo spielt einen Motorradrennfahrer, der sein Gefährt in einem Caravan zwischen zwei Rennen quer durch Amerika transportiert. An jedem Tag erhält er Gelegenheit zu einer erotischen Begegnung und verschmäht sie. Denn er ist einer gewissen, unlängst verblichenen Daisy treu, die als Kind ein braunes Häschen ihr eigen nannte. Sehr denkbar, dass sie sich in jenes braune Häschen verwandelt hat, das die Schlusseinstellung am Salzsee zeigt – jenem Salzsee, über den der Held zwischenzeitlich auf dem Motorrad brauste.

Wegen einer expliziten Oralsexszene – in der geträumten Wiederbegegnung mit Daisy (Chloe Sevigny übernahm den Part) – ging „The Brown Bunny“ die Fama des Festivalskandals voraus; doch wenn an diesem Fast-Nichts von Film etwas skandalös ist, dann seine egomanische Leere, die die Trauerarbeit konterkariert. Skandalös wirkt zudem die Platzierung ausgerechnet im Wettbewerb: Ob die Festivalleitung damit zu verstehen geben wollte, in Amerika sei nichts Besseres zu finden gewesen? Doch Vorsicht, ein solches Signal richtet sie damit nur gegen sich selbst.

Wie gut, dass Frankreich die Lücken ausfüllt (und das so allseits erschöpfend, dass in fast jedem Film zumindest eine französische Beteiligung steckt). Formal respektabel gebaut, aber thematisch ins willkürlich Interpretierbare irrlichternd, kommen Michael Hanekes „Le temps du loup“ und Bertrand Bonellos „Tiresia“ daher. Hanekes Film beginnt wie „Funny Games“, mit der Geiselnahme einer Familie, um bald in einem epigonalen Tarkowski-Ungefähr einzufrieren: Irgendeine Katastrophe irgendwo auf der Welt hält eine Irgend-(Wolfs-?)Meute von Menschen im Warten auf Rettung von Irgendwoher zusammen. Haneke beobachtet dabei nicht eben überraschende Prozesse von Verwahrlosung und neu sich bildenden Hierarchien.

Bonellos „Tiresia“ erzählt von einer transsexuellen Prostituierten, die, von einem jungen Mann gefangen genommen, ohne tägliche Hormondosis zum Mann zurückmutiert. Als sein Besitzer ihm die Augen aussticht, wird er zum Seher und Heiligen einer dörflichen Welt, deren Priester, siehe da, sein früherer Folterer ist. Bonello erkundet mit dem Geschlechterwechsel eine Nebenlesart des griechischen Teiresias-Mythos – nur will sich das motivische Allerlei zu gar zu wenig fügen. Es sei denn, zu jener abendverzehrenden Lust am Mysterium, das ein Film wie „Les invasions barbares“ mit einem Lächeln zu erleuchten versteht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben