Kultur : Der Herbstzeitlose

Der Kanzler und die Kunst im Amt: ein Ortstermin und eine Buchvorstellung mit Gerhard Schröder

Christina Tilmann

Er hat sich immer erkennbar wohl gefühlt im Kreis der Künstler. 2003 führte Gerhard Schröder das Berliner Sammlerpaar Heiner und Ulla Pietzsch durch seine Hallen im Kanzleramt, interessiert und kenntnisreich über Kunst im Allgemeinen und seine Vorliebe für Max Uhlig im Speziellen parlierend. Der Kanzler habe die Kunst stets entschieden gewollt, bezeugt auch Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, der als Gastkurator im Kanzleramt fungierte. Es klingt bewundernd.

So hat sich Schröder die dicke „Philosophin“ von Künstlerfreund Markus Lüpertz für sein Foyer gewünscht und die Skulptur „Berlin“ des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida als Wahrzeichen vor seinem Amtssitz begrüßt. Er hat seine Räume geöffnet für Kunstausstellungen größerer oder kleinerer Art und es sich nicht nehmen lassen, zur Eröffnung stets kurz vorbeizuschauen, ganz jovialer Hausherr. Die Kunst und der Kanzler: Das passte immer gut zusammen.

Seine wenigen Kulturauftritte galten, programmatisch genug, oft der bildenden Kunst. 1999 sprach Schröder zum Richtfest der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel: Das war die erste große Rede Schröders als Kanzler in Kulturfragen, als Werbung für den Masterplan der Museumsinsel und das kulturelle Zusammenleben zwischen Ost und West. Ebenso programmatisch hat Schröder sich dafür eingesetzt, dass große Sammlungen zeitgenössischer Kunst in die Hauptstadt kommen. So sicherte er die Sammlung Berggruen mit ihren reichen Picasso-Beständen für Berlin – eine späte Wiedergutmachung. Und eine längst fällige Geste gegenüber einem von den Nationalsozialisten vertriebenen Sohn der Stadt.

Und, viel umstrittener, der Kanzler warb auch für die Flick-Collection und eröffnete sie vergangenen Herbst höchstpersönlich im Hamburger Bahnhof. Jahrelang hatten Berlin und die Öffentlichkeit darüber gestritten, ob die Sammlung des Kriegsverbrecher-Enkels Friedrich Christian Flick nun nach Berlin und in die Staatlichen Museen gehört oder nicht. Aber dann kam Schröder und adelte das Unternehmen, indem er in seiner Eröffnungsrede den Sammler vor seinen Kritikern in Schutz nahm. Programmatisch auch das.

Nun ist es wieder Sommer, und der Kanzler zieht Bilanz. Zieht sie am Sonntag Abend im Talk bei Sabine Christiansen und zieht sie wieder, am Montagnachmittag, in seinem Amtssitz. „Die Kunst im Bundeskanzleramt“ heißt der Bildband, den Gerhard Schröder gemeinsam mit Peter-Klaus Schuster gestern ebendort vorstellte. Und man wird den Gedanken nicht los, dass es auch ein Abschiedstermin des Kanzlers in seinem Haus ist, das er nach seinen Wünschen mit Kunst eingerichtet hat und in dem er sich so gern mit Künstlern umgibt. Franz Ackermann, Markus Lüpertz, Strawalde, Lothar Böhme und Corinne Wasmuht sind diesmal zu Gast, dazu einige Sammler.

Noch einmal also sitzt man im hohen, hellen Rund der Sky-Lobby, die Schröder schnell und entschieden zu seiner Arena gemacht hat. An den Wänden hängt Kunst aus wechselnden Privatsammlungen, diesmal von dem Berliner Sammlerpaar Ingrid und Georg Böckmann. Hier hatte Gerhard Schröder Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki begrüßt, hier sitzt er auch heute wieder im Kreis seiner Gäste, entspannt mit Markus Lüpertz scherzend, während Peter-Klaus Schuster seinen anspielungsreich balancierenden Rundgang durchs Haus beginnt. Die „Philosophin“ im Foyer, als Hüterin der Treppe zur Macht, dann E.W. Nays Augenbilder, das allsehende Auge Gottes, passend im Raum der Pressekonferenzen. Im Bankettsaal Stephan Balkenhols Skulptur als „kleiner Jedermann an der Festtafel des Kanzlers“ und, von Kulturstaatsministerin Christina Weiss selbst gewünscht, Joseph Kosuths „Denkfehler“ vor ihrem Büro. Schusters Schlussfolgerung ist so schmeichelnd wie zweideutig: „Ein Land, das so viel bedeutende Kunst in seiner Regierungszentrale hat, kann nicht in die Irre gehen.“

„Dass das Land nicht in die Irre geht, dafür werden wir sorgen“, erwidert Schröder. Und lässt doch melancholische Untertöne hören. Man habe versucht, ein Haus zu führen, in dem ein offener Geist wehen kann – das klingt fast wehmütig. Und auch seine Beteuerung, er wolle an der Kunst festhalten – „und übrigens auch am Haus, damit das völlig klar ist“ –, ist von einem Augenzwinkern begleitet. Schröder versichert, er habe die Kunst stets als Herausforderung gesehen: „das lässt gelegentlich den Alltag vergessen, der manchmal hart ist“. „Ich stehe hier heute nicht im Mittelpunkt“, betont der Kanzler. Er scheint es zu genießen.

Die knapp halbstündige Vorstellung endet mit der Bitte, es sich bei einem Glas Wein doch noch gemeinsam gut gehen zu lassen. Kultiviert geht das Treffen zu Ende. Der für Herbst geplante Erscheinungstermin des Bildbands wurde aus nahe liegenden Gründen vorgezogen.

Die Kunst im Kanzleramt. Dumont Verlag Köln, 144 Seiten, 24,90 Euro

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