Kultur : Der Herr der Dächer

Christian Huther

Da stellt das seit 17 Jahren bestehende Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main erstmals einen lebenden Architekten vor - und die Vita entdeckt man erst beim Verlassen des Hauses. Das ist allerdings gut so. Denn am Beginn der Ausstellung über den 60-jährigen Münchner Thomas Herzog hängt die "Europäische Charta für Solarenergie in Architektur und Stadtplanung", die von ihm 1996 initiiert und maßgeblich ausgearbeitet wurde. Diese von 30 prominenten Architekten wie Norman Foster, Nicholas Grimshaw, Frei Otto und Renzo Piano unterzeichnete Charta ist Herzog wichtiger als Lebens- oder Werkdaten.

Dabei ist Herzog kein reiner Öko-Architekt. Aber das Energiesparen liegt ihm ebenso am Herzen wie die Verbindung zwischen Natur und Technik. "Architektur + Technologie" heißt denn auch die Ausstellung. Herzog ist Erfinder und Forscher, er agiert als "Grenzgänger zwischen den Disziplinen", wie ihn Museumschefin Ingeborg Flagge charakterisiert. Im Ausland hat er einen guten Namen, bei uns ist er unter den Stararchitekten eher ein Außenseiter. Seinen Ruf verdankt er dem beharrlichen Engagement für Ressourcen schonende Bauweisen, seiner motivierenden Lehrtätigkeit an drei Hochschulen und nicht zuletzt seinen Forscherleistungen. Folglich wird neben seinen Bauideen auch die Entwicklungstätigkeit dokumentiert, von platzsparenden Spindeltreppen bis zu lichtdurchlässigen, aber wärmedämmenden Bauteilen. Herzog ist ein "Praktiker, der sein Wissen aus der Theorie bezieht und ein Theoretiker, der sein Wissen aus der Praxis bezieht", wie Werner Lang meint, sein langjähriger Mitarbeiter, der für die Ausstellung verantwortlich ist.

Herzogs erfinderischen Forschergeist zeigt schon das Regensburger Wohnhaus von 1977/79. Der keilförmige Bau hat ein Glasdach bis zum Boden, wodurch Terrasse und Wintergarten als Wärmepuffer ausgebildet werden. Die gewonnene Solarenergie wird im massiven Fußboden gespeichert. Für das Design-Center im österreichischen Linz (1989/93) entwickelte Herzog ein Lichtraster, das indirektes Licht von der Nordseite einlässt, aber direktes Sonnenlicht ausblendet und damit im Sommer die Aufheizung vermeidet. Nicht zu vergessen in Herzogs Werk das drei Fußballfelder große, 20 Meter hohe Expo-Dach, bestehend aus zehn Holzschirmen von je 40 mal 40 Metern Länge - architektonische Skulptur und technisches Raffinement in einem. Bei alledem hat Herzog ein Gespür für ausgefallene, aber solide konstruierte Bauformen wie Keile oder Startrampen, wobei die Form nicht unbedingt der (Öko-)Funktion folgt. Ökologie, Technik und Ästhetik müssen sich nicht gegenseitig ausschließen, wie Herzog zeigt.

Diese animierende Schau ist eine der wenigen großen Ausstellungen seit dem Amtsantritt von Ingeborg Flagge vor eineinhalb Jahren. Von 52 Herzog-Projekten seit 1966 werden 27 Bauten vorgestellt, dabei wird weder an Fotos noch Modellen gespart. Vor allem ist viel Luft zwischen den transportablen Stellwänden gelassen. Ingeborg Flagge beweist damit, dass auch große Ausstellungen nicht erdrückend sein müssen und dennoch lehrreich sein können. Da ist die Vita tatsächlich zweitrangig.

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