Kultur : Der Herr der Dinge

RONALD BERG

Ulrich Domröse war begeistert.Sogar einem findigen Kurator wie ihm passiert es nicht alle Tage, eine Wiederentdeckung präsentieren zu können, einen Mann und sein fotografisches Werk, das selbst den Kennern weitgehend unbekannt geblieben ist.

Was hat Kühn fotografiert? Im Grunde jene Kunstformen in der Natur, die durch Karl Bloßfeldt in den Zwanzigern einer breiten Öffentlichkeit bewußt gemacht worden sind.Einer der Rezipienten des Bloßfeldtschen Oeuvres war der Kunstschmied Fritz Kühn.Waren es bei Bloßfeldt noch Säulen, Kuppeln oder Rosetten, also das Repertoire des klassischen Architekturkanons, sucht Kühn mit seiner Rolleiflex bis in die sechziger Jahre hinein das Abstrakte in der Natur: Gebilde des Mikro- und Makrokosmos wie der geriffelte Strand, die Blumenwiese, Oberflächen von Wasser und Schnee; Strukturen, wie sie das Geäst der Bäume oder die Gräser und Blätter abgeben; Kompositionen aus Schattenspielen in hartem Schwarzweiß, teils - besonders nach dem Krieg - aus architektonischen Versatzstücken, Giebeln, Straßen oder Mauerwerk komponiert.All das hat Kühn ab 1951 in einer Reihe von Büchern publiziert, allerdings ohne damit ein Massenpublikum ansprechen zu können.

Zum Teil lag das wohl daran, daß der mit seiner Schmiedewerkstatt in Ost-Berlin beheimatete Kühn häufig im Westen publizierte und ausstellte und im Osten - obwohl relativ unbehelligt - als "formalistisch" galt.Liest man jedoch den akribisch recherchierten Katalog, dann stellt man überrascht fest, daß Kühn zumindest in Fachkreisen auch durch eine Reihe von Ausstellungen durchaus präsent war - dennoch galt er, bis er 1967 starb, in erster Linie als Kunstschmied.Etliche öffentliche Aufträge, darunter der Brunnen am Strausberger Platz, brachten ihm in der DDR sogar den Nationalpreis als Metallgestalter ein.

1987 entdeckte Ulrich Domröse, heute Kurator an der Photographischen Sammlung der Berlinischen Galerie, den Nachlaß Fritz Kühns bei dessen Sohn und beruflichem Nachfolger in Berlin-Grünau.1993 wanderte der schon zu Kühns Lebzeiten gut sortierte Bestand in die Obhut des Museums und konnte nun wissenschaftlich bearbeitet werden.Warum man sich aber mit erheblichem Aufwand und finanzieller Unterstützung der Kultur-Stiftung einer großen deutschen Bank in der Berlinischen Galerie ausgerechnet Kühn widmete, läßt sich wohl so erklären, daß die beiden Verantwortlichen - Domröse als Entdecker, Herausgeber und Kurator der derzeitigen Ausstellung und Andreas Krase, der Autor des Buches - hier den Beweis antreten konnten, daß es die fotografische Avantgarde der Abstraktion sehr wohl auch im Osten gegeben hat, und dazu noch auf keineswegs schlechten Niveau.Wenn auch Kühn immer gegenüber seinen Anregern wie Bloßfeldt, Renger-Patzsch oder Otto Steinert epigonal bleibt.

Der Beweis ist erbracht, aber Kühns Werk will heutzutage so gar nicht in die Zeit passen und findet nirgendwo, weder in der aktuellen Diskussion um die Fotografie noch sonstwie ästhetisch oder technisch, irAnschluß.Auf das von Kühn propagierte Vorbild der Natur, auf das sich auch der Kunstschmied in seiner Gestaltung bezog, kommt es heute nicht mehr an; längst ist, zwischen Manipulation und Synthetisierung, das Natürliche gänzlich einer wie immer scheinbar denaturierten Kultur anheimgefallen.Unsere Zeit hat andere Fragen und verlangt nach anderen Antworten, als die gute Form im Naturschönen zu suchen - ob abstrakt oder nicht.Am ansprechendsten wirken in der Ausstellung daher jene sonnendurchfluteten Fotos aus Italien, wauf denen ausnahmsweise mal ein Mensch zu sehen ist.Schon kommt ein bißchen Stimmung auf.

Berlinische Galerie im Lapidarium, Hallesches Ufer 78; bis 30.November, Mittwoch bis Montag 10 bis 20 Uhr.Katalog im Nicolai Verlag 49 Mark.

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