Kultur : Der Herr der Gaukler

JAN SCHULZ-OJALA

Wahre Künstler sind Kinder.Sie haben die Gnade der ewigen Geburt - und den Schmerz und die Qual: Denn indem sie etwas erfinden, erfinden sie auch immer wieder sich selbst.Sie sind verletzlich wie Kinder, lebenslang.Und rebellisch, im Zweifel kindisch, gegen die, die sie zu vernichten, zu verletzten oder auch nur zu reglementieren drohen, gegen Vatergötter, Gottvater, Gottvaterstaat.Sie stürzen den Spielzeugturm um.Bauen ihn wieder auf.Und stürzen ihn um.Sie lieben Menschen und verbrauchen sie und lieben sie doch.Und sehnen sich nach etwas, das sie von ihrem Spiel ablenkt, das sie aufnimmt, ohne zu fragen, und tröstet, so wie die besseren Mütter es tun.

Ein romantisches Klischee, das vom phantasiebegabten Kind und seinem kaltherzigen Vater, das vom Künstler und der kalten Gesellschaft, in der und gegen die er sich behaupten muß.Und doch, anwendbar, in Ausnahmefällen.Und ist der, den Richard Attenborough einen "Giganten", den Woody Allen den "wahrscheinlich größten Regisseur seit Erfindung der Filmkamera" nennt, einer, dessen Schweigen zu Lebzeiten einst Krzysztof Kieslowski so schmerzlich wie "das Schweigen von Fellini, die Abwesenheit von Buñuel und Tarkowskij" erschien, etwa kein Ausnahmefall? Einer, dem Andrzej Wajda schon vor Jahren Unsterblichkeit bescheinigte mit dem wunderbar bescheidenen Satz: "Ich bin glücklich, weil ich weiß, er wird immer da sein." Ja, Ingmar Bergman, der selbst vier Söhne und vier Töchter hat, die er erst im Alter für sich entdeckte und sich zu Freunden machte, ist so ein ewiges Kind.Er hat den Vater, der sein Leben zu zerbrechen sich anschickte, gehaßt, geflohen und erst spät, so das denn überhaupt geht, überwunden; er ist mit Ende 50 in einen wilden Krieg gegen seine geliebte Heimat gezogen und in ein absurdes, selbstgewähltes, fast eine Dekade dauerndes künstlerisches Exil; und er ist von Frau zu Frau gegangen im Leben und hat sie zu Müttern gemacht, ruhelos bis in seine mittelspäten Jahre.Nichts ist davon unmittelbar in seinen Filmen zu finden, die nichts Geringeres als eine Leuchtturmkette der Kinematographie dieses Jahrhunderts sind, und doch ist fast alles mittelbar da.

1981, vor bald zwanzig Jahren, hat Bergman mit "Fanny und Alexander" seinen explizit letzten Kinofilm gedreht, und es war zugleich der erste, bei dem er - abgesehen von den beiden Jungenfiguren in seinen fulminanten, ins Feminine gewendeten Selbstergründungsarbeiten "Das Schweigen" und "Persona" - die Perspektive eines Kindes zu seiner Perspektive machte.Könnte der zehnjährige Alexander, der da in einer Art Voodoo-Kult den Flammentod des verhaßten Stiefvaters, eines Bischofs, imaginierend herbeiführt, nicht auch Ingmar heißen - Sohn eines Pastors und derselben protestantischen, rituellen, sadistischen Strenge ausgesetzt, die körperliche Gewalt zufügt und nicht ruht, bis das zutiefst erniedrigte Kind auch noch jegliche Schuld auf sich nimmt? Ja, er könnte.Aber solange Bergman selbst verantwortlich zeichnete, ging solche Gleichung allenfalls annähernd auf.Erst in den Neunzigern, da er (wieder wie in seinen Anfängen) Bücher schreibt, die mal von Bille August ("Die besten Absichten"), mal von seiner einstigen Lebensgefährtin Liv Ullmann ("Einzelgespräche") oder seinem Sohn Daniel Bergman ("Sonntagskinder") verfilmt werden, treten die autobiographischen Wurzeln offen zutage.Der alte Mann erinnert sich an das Kind, das er zeitlebens geblieben ist: hochsensibel, aus Erfahrung argwöhnisch und, tief innen, allein.

Ingmar Bergman ist ein Sonntagskind.Aber ja, der 14.Juli 1918 ist ein Sonntag gewesen.Hineingeboren als zweiter von dreien in eine Pfarrersfamilie in Uppsala, und bei Pfarrers ist Sonntag bekanntlich Arbeitstag.Die Ehe der Eltern: ebenso lädiert wie die Fassade eisern.So wächst Ingmar auf, geduckt, väterlichen Gesetzen unterworfen, in deren Kenntnis die Kinder selbst sich das Urteil sprechen müssen.Flieht in Phantasien und Spökenkiekerei und Strindberg-Lesen.Kaum erwachsen, bricht Ingmar mit dem Vater, für Jahrzehnte.Studienanfänge in Literatur- und Kunstgeschichte, aber kaum bietet sich eine drittklassige Chance als Regieassistent an der Oper, driftet er davon für immer - in die Gauklerwelt.Es ist ein zielstrebiges Entrinnen, das dieses Leben fortan prägt: erst zum Theater, dem er fünf Jahrzehnte mit weit über 100 Inszenierungen treu ist, bald aber auch ins Kino.Dort tändelt Bergman - erst als Drehbuchautor, dann als Regisseur fremder Scripts, schließlich als Autorenfilmer, bevor der Begriff Mode wurde - von der Komödie zum Kammerspiel, von der Farce zum mittelalterlichen Mysteriendrama, vom Neorealismus zur Psychoanalyse, bis den Kritikern vor lauter Hakenschlagen ganz schwindig wird.Und bis sie Zuflucht suchen bei blauen Perioden, grünen Trilogien, schwarzen Thesen.Zum Beispiel: Ist Pastorensohn Bergman nicht zuallererst immer ein Gottsucher gewesen?

Das Gottsucher-Etikett immerhin rettete 1963 seinen berühmtesten Film vor der Zensur: "Das Schweigen".Und begründete das vielleicht groteskeste Mißverständnis der Filmgeschichte.Wegen 118 Sekunden damals unerhört erscheinender Sexszenen gingen allein in Deutschland binnen anderthalb Jahren über zehn Millionen Menschen ins Kino, in einen Kunstfilm par excellence - und die meisten davon (auch Wim Wenders mit Freundin, wie er später schrieb) so heimlich wie möglich! Eine Farce, über die ein anderer als Bergman hätte einen Film drehen können - und über die Bergman mit derselben demonstrativen Gelassenheit hinwegging wie über alle Kapriolen der Rezeption, ob sie nun den Absturz eines neuen Werks oder dessen globale Erschütterungstauglichkeit zum Thema hatten.Nur "Szenen einer Ehe", der bald als Vorläufer der Soap Operas geschmähte TV-Sechsteiler, der 1975 auch in einer Dreistundenfassung ins Kino kam, erreichte weltweit noch mehr Zuschauer - und wäre doch, als pars pro toto im Schaffen Bergmans begriffen, nur ein weiteres Mißverständnis: wegen seiner allenfalls fernsehfreundlichen, schmucklosen Wohnzimmer-Ästhetik und seiner zwar packenden, aber doch fühlbar aufs Überdeutliche getriebenen Dramaturgie.

Nein, Bergmans visuell, kompositorisch und konzeptionell herausragenden Filme unter den über 50, die er gedreht hat, sind andere - auch wenn Eheszenen oft ihr Bestandteil sind."Abend der Gaukler" (1953), nach "Gefängnis" (1948) sein zweiter wahrer Autorenfilm, führte zwar zu einem kommerziellen Fiasko, begründete aber seinen internationalen Ruhm.Über Nacht wurde Bergman der grüblerische Antipode eines gleichzeitig sich entpuppenden mediterranen Meisters, ein Fellini des Nordens: ein Erotiker und Melancholiker, der seine Figuren in den tiefsten Schmerz trieb und ihnen dennoch, mitten in der Erniedrigung, die die Kinder und die Künstler vereint, ihre Würde ließ.Und doch war, etwa im Schlußtraum des unglücklichen Clowns Frost, Bergman schon damals von einsamer, irritierender, fantastischer Radikalität - in jener furchtbaren Sehnsucht nach Ungeborenheit, nach einem Rückwärts über die Kindheit hinaus.Oder "Wilde Erdbeeren", der höchste unter den Bergmanschen Achttausendern: Die traumdurchsetzte Autofahrt des 78jährigen Professors Isak Borg erweist sich als Zeitreise durch ein vollends vergebliches Leben.Wenn man es schon nicht noch einmal leben kann, scheint der aus der lebenslanger Versteinerung erwachende Professor zu fragen, kann man es dann wenigstens anders träumen? "Wilde Erdbeeren" mag kein Gott-, wohl aber ein Vatersucherfilm des damals 40jährigen gewesen sein; heute, da Bergman älter geworden ist als sein Protagonist, wird er selbst die Summe seiner damals auf einen fremden Lebensbogen projizierten Träume ziehen.

Seit 32 Jahren hat Bergman ein Haus auf Farö, einer Insel mitten in der Ostsee, nordöstlich von Gotland.Er hat das Haus nicht aufgegeben, als er sonst alles aufgab, 1976, bei dem Steuerskandal, der in seiner kurzzeitigen Festnahme und sogar einem zehntägigen Psychiatrieaufenthalt gipfelte, bevor der alsbald rehabilitierte Bergman tief verletzt für Jahre außer Landes, nach München, ging.Er hat auf Farö Filme gedreht, als es Mode wurde, Bergman wegen seiner politischen Indifferenz anzugreifen, und er hat sich von dort ein Lebensalter später nicht weglocken lassen, als ihm das Festival von Cannes, das ihm in den 50er Jahren zwar manche Preise zusprach, aber nie die Goldene Palme, zum eigenen Halbjahrhundertjubiläum die höchste aller Kronen überreichen wollte.Die Insel ist seine Heimat geworden, und die vielen Wörter, die nun die Welt zu seinem Geburtstag macht, werden ihm nicht viel mehr als ein Meeresrauschen sein.

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