Kultur : Der Herr der Windelkinder

MANUEL BRUG

Die Nachwelt flicht auch Opernkomponisten keine Kränze, doch stellt sie gerne Gipsbüsten auf - das war im 19.Jahrhundert schöner Brauch.So zierte die Feststiege oder Wandelhalle gründerzeitlicher Sangestempel ein bleicher Kopf Giacomo Meyerbeers, des - Rossini war verstummt, Wagner noch ein krakeelender Aufsteiger - Tonangebers seiner Zeit.Meyerbeer, Berliner Jude, stilistisch italienisch geprägt, von Paris, der Hauptstadt des 19.Jahrhunderts aus mit nur vier Werken die musikalische Welt regierend, den muß man sich heute als Andrew Lloyd Webber des Industrialismus vorstellen.Einer, der ein globales Publikum faszinierte, der Moden bestimmte und Spielpläne dominierte.Kein Revolutionär, sondern ein geschickter Eklektiker, der zur vollen Blüte brachte, was andere gesät hatten.Einer, der weniger durch Melodien begeisterte, als durch Tableaux: raffiniert konstruierte Theaterbilder von nie gesehener Pracht und nachhaltiger Wirkung.

Sein nach "Robert der Teufel" (1831) und "Die Hugenotten" (1836) dritter, das Schauvergnügen grand opéra vorwärtstreibender Welterfolg "Der Prophet" wurde schon ein Jahr nach der Uraufführung bis nach New Orleans nachgespielt.Am Premierenabend, dem 16.April 1849, war das Französische Parlament nicht beschlußfähig - ein Großteil der Abgeordneten hielt sich in der Oper auf.Neben der Musik waren - wie heute herabstürzende Kronleuchter und landende Helikopter - die Bühneneffekte schlagzeilenträchtig: Der erstmalige Einsatz von elektrischem Licht genauso wie die modischen Rollschuhe, auf denen die Schlittschuhläufer in der obligatorischen Balletteinlage ihre Kringel zogen.Kein Wunder, daß der effektbewußte Goethe Meyerbeer für würdig hielt, eine Musik für den "Faust" zu komponieren.

Doch wie die Meyerbeer-Büsten in den Opernfoyers vor sich hinstauben, so ist auch der Komponist zur unbekannten Größe, zum chronischen Archivfall herabgesunken.Er selbst hatte das geahnt, war sein Ruhm schon zu Lebzeiten ein flüchtiger, er als Person umstritten - vom eifersüchtigen, antisemitischen Richard Wagner über Robert Schumann bis zu Heinrich Heine gab es Spott für den großherzigen, weltgewandten Mann.Selbst die großartige Altistin Pauline Viardot-Garcia, um die herum als dominante Mutterfigur Fides der "Prophet" einzig konzipiert scheint und die Meyerbeer, seine ungeduldig erwartete Partitur jahrelang in einem Safe bunkernd, als Wunschbesetzung durchsetzte, selbst sie ging später auf Distanz zu "dieser unwahrhaftigen Muttertragödie, die mich zu Zeiten soviel Mühe und Tränen gekostet hat".Die koloratursatte, ihr in die geläufige Gurgel komponierte Schlußarie "Priester des Baal" nannte sie "einen Gassenhauer, der befürchten läßt, Mama Fides werde gleich Cancan tanzen".

Der Riese Giacomo Meyerbeer wurde seit Beginn dieses Jahrhunderts immer kleiner.Die Welt gierte nach neuem, seine Aufführungszahlen gingen stetig zurück.Die Nazis versetzen ihm in Deutschland den Todesstoß, die Nachkriegsinszenierungen lassen sich schnell aufzählen.Und doch hat jetzt die Wiener Staatsoper - auch in deren Foyer überdauerte sein ergrautes Bildnis sogar die Ostmark-Zeit - nach mehr als 60 Jahren wieder den "Propheten" gestemmt.Mit halber Kraft leider nur, was bei Meyerbeer existenzgefährdend zu wenig ist.

Wiens Intendant Ioan Holender hat für seinen, mit "Rienzi" und der "Sizilianischen Vesper" in dieser Saison um das verrufene Genre grand opéra bemühten Spielplan Hans Neuenfels als Propheten-Bezwinger erwählt.Was Sinn macht, sind dem Regisseur doch mit seiner Frankfurter "Aida" und seiner Berliner "Macht des Schicksals", zum Teil auch mit den Stuttgarter "Meistersingern", gerade in den großen, mit Massenwahn und Kunstfrömmelei, Fanatismus und Kriegstreiberei sich auseinandersetzenden Opernwerken schlüssige, hinter der üppigen Fassade wirkungsmächtig bohrende Interpretationen gelungen.Solches wollte man - mit der gehörigen Portion Skandalwürze für das erzkonservative Wiener Publikum, dem die szenische Zumutung mit den Stars Placido Domingo und Agnes Baltsa schmackhaft gemacht wurde - auch dieses Mal sehen: erzählt doch "Le Prophète" vor der Folie der Münsteraner Wiedertäuferbewegung von 1532 - 36 eine ganz private Geschichte vom Schankwirt Jean, der unschuldig mit seiner Braut Berthe und seiner Mutter Fides in die Glaubenskonflikte hineingerissen, zum falschen Propheten gekrönt wird und in einem Anfall von reinigendem Selbstekel götterdämmerungsgleich Feudalherren, Krieger, demagogische Eiferer, die Mutter und sich selbst in den Untergang sprengt.

Ein starkes Stück, dem musikalisch wie szenisch mit feldherrenhafter Allüre und Leidenschaftlichkeit zu begegnen ist, will man nicht vom kühnen Kingsize-Format dieses überschweren, überlangen Opernkolosses niedergerissen werden.In Wien freilich bieten - bis hin zum brav buhenden Stehparkett - alle nur das auf, was man von ihnen erwartet; kaum ein Quentchen Gedankenkraft, Bildpassion, Darstellerschweiß, Sängerfuror, Dirigentenmut mehr.So langweilt die Oper schnell.Ihre unbestreitbaren musikalischen Qualitäten wirkten matt, das Geschehen hangelt sich rhythmisch schlapp dahin, plustert sich schwerfällig, sackt kraftlos zusammen.

Hans Neuenfels und sein Ausstatter Reinhard von der Tannen behaupten viel und lösen nur das wenigste ein.Ihre aus bekannten Versatzstücken zusammengesteckten Bilder machen sich selbständig, ergeben eine mäßig provozierende, mit tauben Klischees und abgegriffenen Feindbildern operierende Revue über Religion und Revolte, die, ohne Meyerbeers Anliegen wirklich zu beachten, die Äußerlichkeiten der grand opéra unoriginell parodiert.

Es langt für kurze Lacher, dann verläppert sich der Regiewillen schnell.Im holländischen Genrebild des zweiten Aktes dreht sich ein Windrad in Trikolorefarben, vor dem die Massen mit Frau-Antje-Plastikhauben Tulpen schwenken.Dem ging im ersten Akt ein Arrangement in Deutschlandfarben voraus, wo von einem schwarzen, amphitheatralischen Stufenpodest aus der Chor im Second-Empire-Kostüm vor einem roten Vorhang kommentiert, wie vorne in einem goldenen Ährenfeld halb nackte, zum Erntefrondienst geknechtete Büßergestalten sich den drei Wiedertäufern, trollartige Zottelwesen (Franz Hawlata, Davide Cale Johnson und Torsten Kerl) mit Affenbegleitung, anschließen.

Dazwischen läßt das naive Landmädel Berthe einen Drachen steigen, ein Theatermohr wird verprügelt, Mama Fides agiert mit ihrem übergroßen Strickstrumpf und Joan begutachtet als fröhlicher Landmann von einem Strohwagen aus eher desinteressiert das seltsame Treiben.Doppelgänger von ihm hängen am Strick oder rammen sich Heroinspritzen in den Arm.In der faden Balletteinlage (Choreographie: Renato Zanella) hüpfen Ärzte und Krankenschwestern auf der Stelle, ein blutiger Schwan stirbt vor sich hin.Bei der Prophetenkrönung singen Kinder in Windeln und Stützstrümpfen, Nonnen werden gefoltert, Neonkreuze leuchten, Bücher werden verbrannt, ein Fernseher flimmert.Am Ende, so spricht Neuenfels, regieren die Roboter.Während auf dem leeren Halbrund mechanische Kleiderpuppen verloren vor sich hin wackeln, hat Domingo endlich ein Einsehen und drückt den Sprengkasten.Worauf im Zuschauerraum das Licht angeht.

Da im Orchestergraben Marcello Viotti die gekürzte Partitur ohne Sinn für Farben und Dramatik hektisch aus dem Ärmel schlenkert und auch Placido Domingo nur anständige Tenorroutine mit wenigen Temperamentsaufschwüngen liefert, ist es ein Abend der Frauen.In der undankbaren Rolle der Berte, viele hohe Noten aber wenig zu sein, ist Viktoria Loukianetz sehr viel, singt holdselig und glockig sopranschön.Agnes Baltsa hingegen, die absahnen könnte als Rampentigerin, die sie ist, übt vornehme Zurückhaltung.Ist schön und nervig gespannt anzusehen.Im üppigen Seidenkleid, Diamanten am Ohr, Kokotte, nicht bäuerliches Muttertier.Ja keine Identifikation, schreit schließlich die Regie.Die Baltsa kümmert es nicht, sie liefert ihre ausführlichen Arien würdevoll, mit dem typischen Brustton, aber agil und höhensicher ab.Primadonna mit Spielverpflichtung, gönnerhaft und leicht distanziert.Meyerbeer aber bleibt weiter Karteileiche: Ab mit ihm ins Depot! Bis im Jahr 2000 die Berliner Staatsoper "Robert der Teufel" aus der Kisten holt.Vielleicht wird dann die Büste entstaubt - und nicht nur lustlos drübergewischt.

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