Kultur : Der Himmel so weit

Die amerikanische Fotografin Lynn Davis zeigt bei Camera Work in Berlin Landschaftsbilder

Ulrich Clewing

Die Natur ist so präsent, dass sie fast den Rahmen sprengt. Wenn Lynn Davis in der Antarktis Eisberge fotografiert, wenn sie in England von der Küste hinaus aufs Meer schaut, sich in Simbabwe ganz nah an die Victoria-Fälle wagt oder in China in die Schluchten am Yangtse steigt, dann gibt es eine Verbindung zwischen diesen sehr unterschiedlichen Motiven. Sie alle offenbaren eine Erhabenheit, die den Betrachter schaudern lässt: so mächtig und großartig, so schön und so einschüchternd hat man Landschaft schon lange nicht mehr auf Bildern gesehen.

Lynn Davis, Jahrgang 1944, Absolventin des San Francisco Art Institute, ist eine Meisterin der Überwältigung. Die Stimmungsbilder, die sie auf ihren Reisen zu den Rändern der Welt fotografisch erfasst, erscheinen in den meisten Fällen so atemberaubend, dass man sich zunächst verwundert die Augen reiben will. Das Staunen geht so weit, dass die Vorstellung erwächst, all dies sei eine künstliche Schöpfung – was natürlich nicht stimmt. Nach ihrem Studium in Kalifornien zog Davis 1970 nach New York, um ihre Fähigkeiten bei Berenice Abbott zu verfeinern. Aus der Zeit rührt auch ihre Freundschaft mit Robert Mapplethorpe, mit dem zusammen sie 1979 ihre erste Ausstellung bestritt. Damals war die Künstlerin bereits 35 Jahre alt, also keine Senkrechtstarterin mehr.

Gemeinsam war Lynn Davis und Robert Mapplethorpe die Neigung zur Klassizität – und zur Kunstgeschichte. Die jetzt in der Galerie Camera Work ausgestellten Arbeiten aus den vergangenen vier Jahren lassen keinen Zweifel an Davis’ Orientierung an der romantischen Fotokunst des späten 19. Jahrhunderts. Grundsätzlich fotografiert sie in Schwarz-Weiß, wobei durch verwegene Perspektiven, harte Kontraste und spektakuläre – natürliche – Beleuchtung die Dramatik in ihren Bildern sich noch verstärkt. Das gilt auch für jene Fotos, die nicht Natur, sondern Architektur wiedergeben, Davis’ zweites großes Thema. Bei Camera Work hängt zwischen den Landschaften auch eine Darstellung des Hoover Dam in Boulder City, Nevada: Der gigantische Staudamm ist so aufgenommen, dass die Krümmung der Betonschale und der Verlauf ihrer Nahtstellen eine Dynamik erzeugen, die den Betrachter einen Moment lang darüber im Unklaren lässt, wo hier eigentlich oben und wo unten ist.

Heute sind die Werke der mittlerweile 61-Jährigen in Preisregionen angesiedelt, in denen ohne sehr gut gefüllte Geldbörsen gar nichts läuft. Von manchen Motiven bietet Camera Work zwei verschiedene Abzuggrößen an, die kleinere (ca. 70 mal 70 Zentimeter) wird in einer Auflage von zehn produziert und kostet rund 7500 Euro. Die größeren Abzüge mit einer Seitenlänge von einem Meter und einer Auflage von fünf schlagen zwischen 11000 und 15000 Euro zu Buche.

Davon unbenommen verfolgt Lynn David ihr Faible für grafische Arrangements. Manchmal treibt sie es allerdings so weit auf die Spitze, dass der Eindruck entsteht, sie habe sich für einen bestimmten Standpunkt nur entschieden, weil von dort die Textur der Landschaft besonders wirkungsvoll zum Vorschein kommt. Am Northumberland Strait vor der Nordostküste Englands hat Davis ein Foto gemacht, auf dem sich dieses Merkmal zu einem grandiosen Dreiklang steigert. Die Klippen trocken geschuppt, die Meeresoberfläche scharfkantig gekräuselt, der Himmel watteweich – das sind Erde, Wasser, Luft in ihren elementaren Aggregatzuständen.

Galerie Camera Work, Kantstraße 149, bis 25. Juni; Dienstag bis Freitag 10–18 Uhr, Sonnabend 10–16 Uhr.

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