Kultur : Der Himmel über Batman

Inszenierungen des Exotischen: Daniel Richter bei Contemporary Fine Arts in Berlin.

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Alarmstimmung bei Contemporary Fine Arts (CFA) am Kupfergraben: Laserstrahlen zerschneiden den Raum, schemenhafte Kämpfergestalten mit Nachtsichtaugen, MGs und Bolzenschneidern hasten durch grelle Berglandschaften. Ein nacktes Mädchen flieht mit vor Schreck aufgerissenen Augen vor einem Fremden im Pelzmantel. Und auf einem Fels steht ein Paschtune und gibt einem Cowboy brüderlich Feuer.

Die Malerei Daniel Richters zelebriert das Karnevaleske, den Ausnahmezustand, die Außerkraftsetzung der Ordnung und den aussichtslosen Kampf um deren Wiederherstellung. Das lässt sich schon für seine frühen Farbschlieren behaupten, aus denen sich um 2000 Figuren und Landschaften schälten. In seinem jüngsten Werkkomplex „10001 Nacht“ hat Richter sich geopolitischen Bezügen zugewandt: Inszenierungen des Exotischen, vom Marlboro-Mann über die Hippiekultur bis zur bildjournalistischen Begleitung des war on terror. CFA zeigt nun eine Auswahl aus der vorangegangenen Schau in der Hannoverschen Kestnergesellschaft (Preise: 210 000 bis 250 000 Euro).

Daniel Richter, mit Neo Rauch teuerster deutscher Maler der Generation um die fünfzig, ist letztes Jahr mit Frau und Sohn von Hamburg nach Berlin gezogen. Da wäre ein Besuch im Schöneberger Atelier angebracht. Aber Richter mag keine Atelierbesuche, lieber bittet der einstige Hausbesetzer zu Tafelspitz ins Café Einstein. Über Berlin mag er auch nicht reden. „Das ist wie übers Wetter reden.“ Er hat recht. Reden wir über Malerei.

Vor etwa drei Jahren fand das Sujet des Paschtunen in Richters Bilder, zunächst in einer Serie, in der Paschtunen mit Gitarren und Knarren Bergstraßen entlangschreiten, Inszenierungen von Männlichkeit und Bruderschaft, die geheimnis- und verheißungsvoll wirken und an August Mackes Tunesien-Aquarelle erinnern. Ihr Exotismus ist allerdings vielfach gebrochen. Richter war nicht in Afghanistan, er hat dafür viel Marlboro-Werbung gesehen und bringt die „Kitschversion amerikanischer Landschaft“ an den Hindukusch. Richters Malerei nimmt für sich ein, weil sie frei von Nostalgie und Sentimentalität ist, eigentlich über Jahrhunderte Triebkräfte des Tafelbildes. Ihr Reiz liegt in der Gegenwärtigkeit, sie spricht die Erfahrungswelten popkulturell sozialisierter Betrachter an. So wie der Titel „10001 Nacht“ die Klischierung des Orients in der Rezeption von Scheherazades Märchen ausleiert und in die Sachlichkeit von Binärcodes überführt, so sind auch Richters Bildräume a priori korrumpiert.

Die jüngeren Gemälde teilen sich grob in zwei Gruppen: auf der einen Seite grell überfrachtete, chaotische Szenen mit geisterhaften Figuren; auf der anderen konzentrierte, illustrative Szenen in pastoser Farbgestaltung. Das ist neu. „Ich arbeite an Reduktion“, bestätigt Richter und berichtet von den Schwierigkeiten, die das mit sich bringt: „Vorher war mein System immer: draufschotten, abkratzen. Es war egal wenn ich Fehler gemacht habe, da die Bilder selbst darauf angelegt sind, einen Zerstörungsprozess, einen Zumatschungsprozess mit abzubilden.“

Die lasierten Bilder entstünden dagegen eher wie beim Schachspielen. „Man kann seine Entscheidungen nicht revidieren.“ Über Monate zerbrach Richter sich den Kopf über Batman, der über zwei weiblichen Rückenfiguren in Burka den Kopf in den Nacken legt, als erwarte er Erleuchtung oder einen Drohnenangriff. Eine versponnene Szene, deren surrealistischer Unernst eine rätselhafte Spannung bewahrt. Gemeinsam ist den neuen Gemälden der zugleich abstrakte und konkrete Gebrauch der Linie: Die Berglandschaften sind aus geologischen Höhenlinien geformt, die auch schwankende Börsenkurse darstellen könnten.

Die romantische Landschaftsmalerei ist bei Richter durch die Filter wissenschaftlicher Bildgebungsverfahren gejagt, es klingen Wärmebilder und Röntgenansichten wider. Bilder wie „W.O.W.“, das für „World of Warcraft“ stehen könnte, wirken wie Computerspielszenen – so wie in heutigen Kriegen die Grenze zwischen virtueller und realer Kriegsführung verschwimmt. Richters Bilder machen erfahrbar, wie die Übergriffigkeit westlicher Gesellschaften von orientalistischer Bildproduktion über die durch Afghanistan reisenden Hippies bis zu technisch hochgerüsteten Nato-Soldaten letztlich ins Leere läuft und auch den Abgrund unter den Selbstbildern aufreißt. Er tut das ohne Alarmismus, sondern mit fröhlichem Spott, wie der Wolf, der auf den an der Felskante hängenden Wanderer pinkelt.

„Es gilt ja allgemein für Kunst, dass sie einem den Blick für reale Situationen schärft“, sagt Richter. Wie weit gilt das nun für seine eigenen Bilder? Sicher verhelfen sie zu einem überlegeneren, auch abgeklärteren Blick auf die Welt, der im besten Fall vor naiven Allgemeinplätzen bewahrt. Sie zeigen originelle Remixe der Wirklichkeit, und sie hängen die Messlatte hoch für andere, unmittelbarere oder auch kompliziertere Ansätze. Aber sie lassen die Wirklichkeit nicht unbedingt anders sehen. Weil sie mehr Antworten haben als Fragen.

Es gibt, wie immer bei Richter, Gegenbeispiele. Hier ist es „Army of Traitors“, das Richters Sinn für Theatralik und aufregende Kompositionen unterstreicht: Der vorderste einer langen Reihe aus blutroten Kämpfern in einer Schneelandschaft blickt dort aus gelben Augen mit gezogenem Schwert furchtsam über den Betrachter hinweg – eine konfrontative Strategie, die wie Munchs Schrei ein unsichtbares Bild im Rücken des Betrachters evoziert. Es besteht Anlass zur Beunruhigung.

Contemporary Fine Arts (CFA),

Am Kupfergraben 10; bis Sa 17. 12.,

Di–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–16 Uhr

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