Kultur : Der Himmelsstürmer

Maximilian Hecker sang auf der Straße. Jetzt präsentiert er seine zweite Platte mit herzzerreißenden Liebesballaden

Heiko Zwirner

Es beginnt mit traurigen Klavierklängen. Eine einfache Tonfolge beschwört einen Zustand der Ohnmacht und Lähmung. Erst nach ein paar endlosen Takten setzt ein Synthesizer ein. Er imitiert Streichinstrumente, die von weit her zu kommen scheinen und doch eigenartig präsent sind. Fast so, als hätte man ein Sinfonieorchester in einem Schuhkarton eingesperrt. Ein junger Mann fängt leise und mühevoll an zu singen. Er scheint den Tränen nahe. Sieben Tage hat er nun schon nichts mehr von ihr gehört. Nicht ein Sterbenswörtchen. Sieben Tage, die ihm wie tausend Jahre vorkommen. Sein Hauchen schwillt zu einem großen Wehklagen an, der Dreivierteltakt dreht sich in eine abwärts gerichtete Spirale hinein, das Orchester bäumt sich in seinem Schuhkarton einem gewaltigen Crescendo entgegen. Ruf nicht zurück, hat sie gesagt.

Das Lied, von dem die Rede ist, heißt „Kate Moss“ und ist der erste Titel auf „Rose“, dem neuen Album von Maximilian Hecker. Es klingt so bitter und so endgültig, dass man beim Hören am liebsten in eine Wanne mit lauwarmem Wasser steigen und sich die Pulsadern öffnen möchte. Hecker hat dieses Lied so genannt, weil in seinem Zimmer zwei Poster des englischen Supermodels hängen. Manchmal, wenn er auf seinem Bett liegt und die Wand anstarrt, scheint die doppelte Kate Moss ihn mit ihren Blicken zu verhöhnen. So wurde sie, was Hecker für den unergründlichen Auslöser seiner Sehnsüchte hält, zum Symbol eines Verlangens, das nicht gestillt werden kann. „Eins meiner großen Themen ist die marienhafte Anbetung von Frauen, die für mich unerreichbar sind“, sagt er, nachdem er es sich in dem Sessel einer Kaffeehaus-Filiale am Hackeschen Markt bequem gemacht hat. Neuberliner meiden diesen Ort, denn er ist untypisch für Berlin und könnte sich ebenso gut in London, Seattle oder Oberhausen befinden. Auch der Kaffee ist dort derselbe. Doch Hecker schätzt die Anonymität und die Ruhe. Hier muss er nicht ständig damit rechnen, Bekannte zu treffen, hier kann er mal die „Bunte“ lesen.

Hecker überlegt nicht eine Sekunde, wenn man ihn fragt, ob er sich für einen Einzelgänger hält. Natürlich sei er ein Einzelgänger. Er schaut durch die doppelt verglaste Fensterfront nach draußen, wo Straßenbahnschienen aus dem Asphalt gerissen werden, die erst vor ein paar Jahren verlegt wurden und wo ein Junger Mann in einem abgetragenen Jacket die neueste Ausgabe einer Obdachlosen-Zeitung anbietet.

Wo heute ein Kaffeehaus ist, verkaufte noch vor drei Jahren eine unfreundliche ältere Dame Zeitschriften und Tabak. Damals stand Hecker mit seiner Gitarre vor dem Laden und spielte den Passanten Lieder von den Beatles und von Oasis vor. Er tat es mit dem Ernst und der Entschlossenheit eines Fremden, der gekommen war, um von einer Welt jenseits alltäglicher Routen zu erzählen, ganz egal, ob man ihn für einen Narren hielt. Nur ein paar Monate später tauchte sein Debüt-Album „Infinite Love Songs“, eine Sammlung von Liebesliedern, die an Dramatik kaum zu überbieten waren, in der Jahresbestenliste der „New York Times“ auf. Er hatte es im Alleingang aufgenommen, zuhause, mit einem Achtspurgerät. Auf der neuen Platte spielt er ebenfalls sämtliche Instrumente selbst. In den sechs Wochen, in denen sie mit der Unterstützung von Gareth Jones, der auch schon Platten von Depeche Mode, Moby und Erasure produzierte, aufgezeichnet wurden, ist Hecker jeden Morgen mit Bauchschmerzen aufgewacht. „Es war eine einzige Qual“, erinnert er sich. „Ständig hatte ich Angst, die Möglichkeiten meiner Stimme nicht voll und ganz auszuschöpfen, zu versagen, wenn das rote Licht anging.“ Trotzdem scheint jeder Akkord, jeder Seufzer seinen unverrückbaren Platz zu haben im Reigen der Sehnsüchte und Liebesqualen. Während das Debüt sich noch stark an den Songstrukturen des Britpop orientierte, regiert nun der reine Bombast. Heckers entrückter Falsettgesang würde selbst dem Sänger von a-ha, Morten Harket, zur Ehre gereichen. Und doch gelingt es ihm, den kitschigen Gesten eine neue Vehemenz einzuhauchen. Denn er ist ein Melancholiker aus Leidenschaft, eine Heulsuse, die weiß, was sie will: Die Lust am Schmerz zelebrieren. „Früher habe ich immer gesagt, dass ich nur deshalb so dramatische Musik mache, damit die Mädchen Mitleid mit mir haben. Das war eine Schutzbehauptung. Ich schreibe, was ich wirklich fühle.“ Die kunstvolle Grandezza, mit der er seine privaten Gefühlswelten zur Schau stellt, rückt ihn in die Nähe großer Leidender wie Morrissey, Thom Yorke (Radiohead) oder Chris Martin (Coldplay).

„To Fall in Love“ sagt man auf englisch, wenn sich zwei verlieben. Maximilian Hecker scheint sich mehr für das Fallen zu interessieren als für die Liebe. Er behauptet von sich, noch nie eine echte Freundin gehabt zu haben. Im Video zu seiner neuen Single sieht man, wie er buchstäblich vom Himmel fällt. Der Schmerz hat sein Gesicht verzerrt, als hätte ihn Gott persönlich gerade rausgeworfen. „Meine Songs handeln auch von der Suche nach der Geborgenheit, die ich aufgeben musste, als ich von Zuhause weggegangen bin.“ Hecker ist als Sohn eines Ingenieurs und einer Gymnasiallehrerin in Hannover aufgewachsen. Berlin hat ihn angelockt und zugleich verzweifeln lassen. Ein Fremder ist er geblieben. „Am schlimmsten ist es sonntagmorgens, wenn man leicht verkatert aufwacht. Weil man sonst nichts mit sich anzufangen weiß, spült man Geschirr. Aber eigentlich möchte man sterben.“

Mit seinen halblangen braunen Haaren, seinem blassen Teint, seiner etwas zu groß geratenen Nase und seinem zierlichen Knabenkörper gibt Maximilian Hecker eine sehr schöne Leiche ab. Zumindest in der Fantasie. Denn bei allem Liebäugeln mit Selbstmordgedanken verfolgt er mindestens noch ein klares Ziel. Er will das letzte Lied schreiben. „Wenn es verklungen ist“, sagt er, „kann das Universum implodieren. Ich will erreichen, dass ich mich durch das Lied erlöst und in dem Lied aufgehoben fühle. Dass ich körperlos werde. Dann habe ich mein Ziel erreicht.“

„Hold me now, heal my wounds“, wünscht sich Maximilian Hecker auf seinem Album einmal. Hoffen wir, dass er so schnell niemanden findet, der ihn festhält und die Wunden heilt, die er sich selbst zufügt. Denn wenn er auch einsam sein mag mit Kate Moss, so wünscht man sich doch nicht, dass es vorbeigeht. Damit er auch weiterhin so wunderbar kitschige Lieder schreibt.

Hecker stellt heute im Kaffee Burger (Torstr. 60, Mitte) seine neue Platte vor, 21 Uhr. „Rose“ erscheint am 28.4. (Kitty-yo).

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