Kultur : Der himmlische Bote der Moderne

NK

Wer mit Heinz Berggruen durch seine Sammlung im Charlottenburger Stülerbau geht und sich von ihm erklären läßt, wie er jenen Picasso erworben, diesen Klee durch alle Fährnisse gerettet hat, der erlebt eine Begegnung mit Kunst der besonderen Art - eine Sternstunde. Denn der 1996 mit seinen Schätzen nach über sechzig Jahren zurückgekehrte Galerist ist für Berlin so etwas wie der himmlische Bote der Klasssichen Moderne. Er hat nicht nur die Bilder und Skulpturen eines Cézanne, Giacometti, Braque mitgebracht und damit eine durch Nationalsozialismus und Krieg geschlagene Lücke in den Berliner Sammlungen wieder geschlossen, sondern er ist als einst Vertriebener heimgekehrt. Seine Bilder, vor allem aber seine Anwesenheit in der Stadt sind ein wichtiges Signal für den Neubeginn Berlins seit dem Mauerfall.

Berggruen hat diese ihm zugewachsene Aufgabe gerne angenommen und erfüllt sie mit Bravour, wie seine nun herausgegebenen elf Reden beweisen, die er anlässlich von Preis- und Titelverleihungen, Vernissagen im eigenen Haus oder zur Eröffnung der Gemäldegalerie in den vergangenen drei Jahren hielt (Heinz Berggruen: Ein Berliner kehrt Heim. Rowohlt Berlin, 2000. 95 Seiten, 19,80 Mark). Der gebürtige Berliner, der im Dritten Reich seine Heimatstadt verlassen musste und über den Umweg USA in Paris als Galerist sein Glück machte, meldet sich mit dem Wissen um sein besonderes Schicksal zu Wort. Nicht dass er den Deutschen die Leviten liest, sondern er erzählt in freundlichem Ton von seinem Lebensweg, den zahlreichen Begegnungen mit Künstlern und seinen Erfahrungen seit der Wiederkehr.

Das liest sich leicht und mag sich bei den festlichen Anlässen, bei denen er diese Reden hielt, kurzweilig angehört haben, doch steckt das Gewicht einer besonderen Autorität dahinter. So legte Berggruen bei der Verleihung des Deutschen Nationalpreises im vergangenen Jahr den Finger in eine Wunde, als er von der umstrittenen Martin-Walser-Rede in der Frankfurter Paulskirche und den Auseinandersetzungen um das Berliner Holocaust-Mahnmal sprach. "Die Erinnerung an Auschwitz soll wach bleiben, aber Deutschland will ich nicht abhaken", bekannte er bei dieser Gelegenheit. Seine mitgebrachte Sammlung dient als Prüfstein für das schwierige Verhältnis des Zurückgekehrten zu seiner Heimat. Die von ihm gestellte Aufgabe ist denkbar leicht: sich an der Kunst, wie jenem jüngst hinzugekommene Gemälde von Henri Matisse ("Die blaue Zeichenmappe", 1945), einfach zu erfreuen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben