Kultur : Der höfliche Teufel

Abschied vom Faustischen: Ingo Schulzes Wende-Roman „Neue Leben“

Marius Meller

Der Autor ist für ein Buch, was Gott für die Welt ist. Haben sich deshalb alle so aufgeregt, als der Philosoph und Verschwörungstheoretiker Michel Foucault den Autor für tot erklärte, so wie Nietzsche einst Gott? Der Autor spricht, wenn er von sich spricht, im plurale majestatis oder im Modus des „man“. Was ich erschaffe, vielmehr, was wir, die heilige Autorenschaft, hinschreiben, das wird Kraft unserer allumfassenden Macht Wirklichkeit. Es werde Schrift! Wenn der Autor aber wir im Sinne von man sagt, bezeichnet er eine menschentypische, beliebige Konvention. Mit dieser Zweideutigkeit, mit diesem Witz, fangen Goethes „Wahlverwandtschaften“ an: „Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter – Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht...“

Eine andere Spielart des Autors ist der „Geist der Erzählung“ bei Thomas Mann. In einer speziellen, sozusagen dreieinigen Variante ist er im Spätwerk „Doktor Faustus“ anzutreffen. Dort referiert und reflektiert ein gewisser Serenus Zeitblom das Leben des komponierenden (und schreibenden) Autors Adrian Leverkühn. Beide sind also Autoren, und sie sind Fiktionen des Über-Autors Thomas Mann, der die Umstände der Werkentstehung wiederum zum Thema eines „Roman eines Romans“ macht, wie sein Arbeitsbericht „Entstehung des Doktor Faustus“ im Untertitel heißt.

Genau diese Konstellation wählt Erfolgsautor Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, für seinen großen Wendezeit- Briefroman mit dem ebenso soz-art-igen wie biedermeierlichen Titel „Neue Leben – Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze“. Der Held Enrico Türmer ist 1989 Ende zwanzig. Wir befinden uns wieder in Altenburg, Schulzes Schicksalsort aus den „Simplen Storys“, in Ingo Schulzes Ossi-Lübeck. Wie sein Schöpfer Schulze arbeitet Türmer am Stadttheater, engagiert sich in der Bürgerrechtsbewegung, wie Schulze gründet er in den turbulenten Monaten zwischen Herbst 1989 und Wiedervereinigung eine lokale Wochenzeitung, dann eine Anzeigenzeitung. Wie Schulze lässt er seine schriftstellerischen Ambitionen ruhen, um in „die tätige Welt“ einzutreten, schreibt stattdessen unzählige Briefe an seinen Jugendfreund Johann, an seine inzestuös geliebte Schwester Vera und an seine westliche, ferne Geliebte Nicoletta. Es entsteht ein Panorama der Wendezeit und ein Mosaik von Bruchstücken einer mittelgroßen Schriftsteller-Konfession. Ob Türmer – wie Schulze – einmal zur Schriftstellerei zurückfinden wird, lässt der Roman offen. Der Herausgeber der Briefe, der fiktive Ingo Schulze, der die Briefe mit altklugen bis hämischen Fußnoten versieht, referiert, dass Türmer nach dem letzten Brief aus dem Juli 1990 sich vor den Trümmern seines kleinen Zeitungsimperiums davonmacht – eben „türmt“, um endlich mit seiner Geliebten zusammenzuleben.

Schulze verändert die Erzählkonstruktion aus dem „Doktor Faustus“ in ihren Proportionen. Schulzes Zeitblom ist die Herausgeber-Figur Ingo Schulze, die editorische Nervensäge, die ihr doppelbödiges Spiel in unzähligen Fußnoten treibt. Enrico Türmer ist Schulzes Adrian Leverkühn, der bei Mann vom „Durchbruch der Kunst zum Leben“ träumt – und bei Schulze die Kunst für eine gewisse Zeit an den Nagel hängt, um „tätig zu werden“, um Geschäfte zu machen, den Kapitalismus zu lernen.

Aber auch thematisch und motivisch bezieht sich Schulze wesentlich auf Goethe und Thomas Mann. Es mag ein unglaubliches Selbstbewusstsein hinter dem Unterfangen stecken, Goethes „Wilhelm Meister“, den „Faust“ und Thomas Manns „Doktor Faustus“ weiterzuführen. Andererseits: Wenn man wie Ingo Schulze nach den zwei außerordentlich erfolgreichen Büchern „33 Augenblicke des Glücks“ (1995) und „Simple Storys“ (1998) ganze sieben Jahre in rund 800 Seiten Prosa investiert, dann ist die Versuchung sicherlich groß, nur die höchsten Messlatten anzulegen, den größten Vorbildern zu folgen. Die Kritik beurteilt Texte, die sich an übermächtige Vorbilder anlehnen, strenger als solche, die beiläufig daherkommen. Ein Risiko, das Mut erfordert und in Hybris umschlagen kann. Aber Ingo Schulze ist mit seinen bisherigen Veröffentlichungen bereits auf einer künstlerischen Ebene angelangt, wo nur noch gilt: Gescheitert ist gescheitert, egal auf welchem Niveau.

Ingo Schulze ist mit „Neue Leben“ beileibe nicht gescheitert. Wenn „Die Welt“ – wie es ihr geziemt – den Roman zur „Weltliteratur“ erklärt, hat sie nicht Unrecht. In einer bescheidenen Form ist Schulzes neues Buch tatsächlich Weltliteratur: indem es große, ja größte Themen der deutschen Weltliteratur fortschreibt und gemessen an der aktuellen Literaturlandschaft ein verblüffendes Niveau erreicht – vor allem in der prätentiösen, aber genialischen Konstruktion. Andererseits: Nicht jedem Leser wird der phlegmatische Humor, das sozusagen kalauernde Spiel mit Motiv-Zitaten und das trotz allem Autor-Versteckerles selbstverliebte, sich plusternde Herausstellen von literarischen Raffinessen zusagen. Die Konstruktion des Textes und seine überzeugende literarische Reflexion machen dies und einige, man muss es sagen: langweilige Passagen allemal wett.

Gleich zu Anfang verweist der Herausgeber-Schulze überdeutlich auf den Umstand, dass sein Held während der turbulenten Wendezeit seinen romanisierten Vornamen Enrico zu Heinrich re-germanisiert. Wo ein Heinrich ist, kann der Mephisto nicht weit sein. Und bald lernen wir ihn kennen: in der höflichen, aber undurchsichtigen Figur des schwarzgekleideten Clemens von Barrista, der, mit einem unheimlichen Wolfshund als ständigem Begleiter, dem engagierten Zeitungsteam um Enrico Türmer die Versuchungen des Kapitalismus einträufelt.

Enrico durchläuft einen mehrfachen Desillusionierungsprozess. Seine zentrale Frage lautet: „Auf welche Art und Weise kam der Westen in meinen Kopf? Und was hat er da angerichtet?“ Es geht um ein zu verlierendes Paradies – denn nach anfänglichem, fast psychedelischen Rausch der Begegnung mit dem Westen folgt die Ernüchterung. Dass Türmers Zentralfrage eine metaphysische Dimension hat, liegt auf der Hand. Enrico fährt fort: „Ich könnte natürlich auch fragen, wie der liebe Gott in meinen Kopf kam. Das liefe auf dasselbe hinaus, wäre allerdings weniger auf die Besonderheit meines Sündenfalls gerichtet.“ Türmers Sündenfall ist sowohl seine Berufung zum zweiten Schöpfer, zum Schriftsteller, wie auch sein „Pakt“ mit dem Teufel, mit Barrista, das freie Spiel des Geldes zu erlernen. Er muss die Kunst aufgeben, um ins „tätige Leben“, in den Kapitalismus einzutreten, und um schließlich – das ist die überaus optimistische Pointe des Romans – die Liebe und vielleicht auch die Kunst wiederzufinden. Jenseits der ideologischen Heilsversprechungen von „Neuen Leben“ – im Plural. Denn nicht nur der Sozialismus versprach den „Neuen Menschen“, sondern auch der Kapitalismus wird – zumindest von den euphorisierten Ossis – in einer religiösen Dimension wahrgenommen.

So ist Mephisto bei Schulze eine durch und durch positive Gestalt – er ähnelt nämlich nicht nur dem teuflischen Dialektiker aus dem „Faust“, der stets das Böse will und doch das Gute schafft, sondern auch dem Abbé von der „Turmgesellschaft“, der im „Wilhelm Meister“ Goethes naivem Helden die Flausen aus dem Kopf treibt, um ihn zum tätigen Leben anzuleiten. Heinrich heißt „Türmer“ mit Nachnamen, weil er als Faust den Türmer Lynkeus, der vom Ende des Prinzips Faust kündet, gleich mit figuriert – und weil seine Bestimmung die postheroische Vernunft der „Turmgesellschaft“ ist. Ingo Schulze schreibt also – und das ist schon ziemlich genial – einerseits den „Wilhelm Meister“ fort, den Novalis säuerlich als Triumph der Ökonomie über das Poetische bezeichnete, anhand der atemberaubenden Geschichte vom Einbruch des Kapitalismus in den Realsozialismus. Und andererseits therapiert er das sehr deutsche Prinzip Faust, das bei Thomas Mann noch tragische Dimensionen hatte, durch einen einfachen Trick: Aus dem schicksalhaft aufgeblähten Gegensatz Kunst-Leben lässt er mit einigen leichthändigen Federstrichen die Luft heraus, indem er seinen Helden am Ende mit seiner West-Geliebten nach Rom aufbrechen lässt, wohin einst schon Goethe floh, um seine deutschen Neurosen zu heilen.

Man muss sich Enrico Türmer in einer Espresso-Bar an der Piazza Navona vorstellen, seine geliebte Faustina-Nicoletta unterm Arm. Hinter der Bar steht plaudernd Mephisto, die wohlmeinende Macht, die im „Faust II“ einst den Kapitalismus erfand. Heute ist der Teufel ein Barmann. Ein Barrista eben.

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Und der dreieinige Über-Autor Ingo Schulze? Trotz aller kleinlicher Einwände, die er als Herausgeber sogar selbst in die Fußnoten seines Romans hineinschreibt, darf er sich sagen: Und siehe mein Werk, es ist gut. Und wir behaupten: Der Autor, er lebt.

Ingo Schulze:

Neue Leben. Roman. Berlin Verlag, Berlin. 790 Seiten, 24 €.

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