Kultur : Der Hoffnungsträger

Das Film-Festival Venedig hat einen neuen Chef: Marco Müller

Jan Schulz-Ojala

In dieser Zeitung hatte er schon vor Jahren das vergleichsweise milde Etikett „idealistischer Workaholic“ weg, der „Zürcher Tagesanzeiger“ nannte ihn wegen seiner Arbeitswut schon mal ein „heiliges Monster“: Marco Müller wird den anerkennenden Begriff, den sich die Fachwelt von ihm gemacht hat, hoffentlich auch in seinem neuen Job pflegen. Soeben hat ihn der Verwaltungsrat der Biennale Venedig zum Chef des traditionsreichen Filmfestivals am Lido ernannt. Und nach einem monatelangen, in der Tiefenstruktur sogar mehrjährigen Chaos, das die in Kulturdingen eher unbedarfte Regierung Berlusconi zu verantworten hat, gibt es dort nun allerhand zu tun.

Wenn denn der vierjährige Vertrag mit Müller Bestand haben sollte, der mit einem Überprüfungsvorbehalt nach Ablauf eines Jahres ausgehandelt wurde, dann steht dem in Turbulenzen geratenen Festival geradezu eine Ära der Stabilität bevor. Denn zuletzt wechselten die Filmchefs der Venedig-Biennale dort meist alle zwei Jahre – gerade so, als sollten sie den Dachbegriff der größten interdisziplinären italienischen Kulturinstition auch persönlich wörtlich nehmen. Erst der Feuerkopf Felice Laudadio, dann der souveräne Organisator Alberto Barbera, schließlich der als Nothelfer nach Venedig geholte Ex-Berlinale-Leiter Moritz de Hadeln: Die Liste der von den Berlusconi-Leuten geheuerten und gefeuerten Festivalchefs ist lang. Folglich ist dort in Sachen Kreativität, Festivalstrukturen und auch technische Ausstattung eine Menge liegen geblieben.

Umworben wurde der heute 50-jährige Marco Müller von der Biennale immer schon mal. Aber der römische Sinologe und Anthropologe, der über die Filmkritik und das Drehbuchschreiben zum Kino kam, hatte sich zuletzt vom Festivalmachen, in dem er seit Anfang der 80er Jahre aktiv gewesen war, programmatisch abgewandt – zugunsten der Filmproduktion. Nach Stationen in Turin, Pesaro und Rotterdam hatte er von 1992 bis 2000 vor allem das Festival von Locarno zur internationalen Nummer eins für den jungen Autorenfilm ausgebaut. Zuletzt brachte er für Fabrica Cinema, eine Tochterfirma von Benetton, und mit dem eigenen Unternehmen „Downtown Pictures“ Filme etwa von Danis Tanovic, Babak Payami und Samira Makhmalbaf auf den Weg.

Mit der Rückkehr ins Festivalgeschäft will Müller, so teilte er nach seiner Berufung für Venedig mit, vor allem gezögert haben, weil er „mit Haut und Haaren“ im Produktionsgeschäft gesteckt habe. Vielleicht aber hat auch das stürmische politische Klima in Italien sein Grübeln verlängert – schließlich ist es kein Geheimnis, dass Berlusconi das Festival zur Werbeplattform überwiegend für den italienischen Film herunterregieren will. Und als ausgewiesener Berlusconi-Mann ist der streitbare Müller, der mit programmatischen Vorstellungen in zwei Wochen an die Öffentlichkeit gehen will, bislang ganz gewiss nicht hervorgetreten.

Einen Trumpf immerhin bei den Berlusconi-Getreuen hat Müller in jedem Fall: Er ist Italiener, anders als der Schweizer Moritz de Hadeln, der wegen seiner Nationalität im Italien des Cavaliere immer wieder angefeindet worden war. Aber hat das Auswahlkomitee den Lebenslauf Müllers sorgfältig genug gelesen? Der Vater ist Italo-Schweizer, die Mutter Italo-Brasiliano-Gräco-Ägypterin: geradezu subversiv international.

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