Kultur : Der Hürlimann-Schwur

Steffen Richter

Angeblich saßen die beiden in einer Kreuzberger Kneipe, als der zukünftige Schriftsteller Thomas Hürlimann und der zukünftige Verleger Egon Ammann auf einem Bierdeckel einen Vertrag schlossen. Tatsächlich erschienen Hürlimanns Debüterzählungen „Die Tessinerin“ 1981 als erstes Buch des schweizerischen Ammann Verlages . Das ist eine jener Gründungsgeschichten, die man immer wieder gern erzählt, besondern zu Jubiläen. Heute, 25 Jahre später, ist der Verlag von Egon Ammann und seiner Frau, der Kunsthistorikerin Marie-Luise Flammersfeld, ein erfolgreiches mittelgroßes Unternehmen. Bei Ammann, stellt man verblüfft fest, gibt es eigentlich alles: Debütanten wie Julia Franck oder Ulrich Peltzer, den Nobelpreisträger Wole Soyinka, große Klassiker-Werksausgaben in neuen Übersetzungen: Dostojewski von Swetlana Geier oder Pessoa von Georg R. Lind und Inés Koebel. Ob Vietnam, Uruguay, Kuba oder Dänemark – es gibt kaum ein Land, das im Programm nicht vertreten ist. Das Kunststück: dass Ammann bei alledem dennoch nicht wie eine Gemischtwarenhandlung erscheint.

Da darf man feiern. Und nichts eignet sich dazu besser als das traditionelle Sommerfest des Literarischen Colloquiums . Am 26.8. kann man sich am Wannsee (Am Sandwerder 5, Zehlendorf) einen Eindruck von der Verlagsbreite verschaffen. Mit dabei ist natürlich der Autor der ersten Stunde Thomas Hürlimann , der seinen am Tag zuvor erscheinenden Roman „Vierzig Rosen“ vorstellt (16 Uhr 45). Es folgen im Halbstundentakt Lesungen aus Stefan Weidners Marokko-Roman „Fes“, Angelica Ammars „Tolmedo“ und Navid Kermanis „Du sollst“. Ab 21 Uhr fungiert Kermani, auch „Kurator für außergewöhnliche Veranstaltungen“ am Kölner Schauspielhaus, als DJ. Und der Chef selbst erklärt, was er an Fernando Pessoa, dem Stammvater der modernen portugiesischen Literatur, besonders schätzt (19 Uhr 30).

Ästhetik und Kommerz, also Lesen und Rechnen, weiß man bei Ammann offenbar zu versöhnen. Über einen anderen Zwiespalt, den von Ästhetik und Ethik, dürfte Günter Grass einiges zu berichten haben. Doch auch Peter Handke ist – und nicht zum ersten Mal – ein Protagonist dieses Dilemmas. Man erinnert sich, dass Handke den serbischen Diktator und Massenmörder Milosevic verteidigt hatte, dass die Pariser Comédie Française daraufhin sein Stück „Das Spiel vom Fragen“ vom Spielplan nahm und Handke dennoch den Düsseldorfer Heine-Preis erhalten sollte. Am 23.8. (19 Uhr) debattieren Verteidiger und Kritiker Handkes wie Volker Braun , Matthias Langhoff , Oskar Negt , Juli Zeh und Hausherr Klaus Staeck in der Akademie der Künste über „Heine, Handke und die Folgen“ (Hanseatenweg 10, Tiergarten).

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