Kultur : Der Hufschlag der Schöpfung

KATRIN BETTINA MÜLLER

Ihre Liebe zu den Pferden ist alt.Glaubt man den Bildern und Selbstaussagen der Malerin Christa Näher, dann reicht ihre Identifikation mit dem Tier gar in eine Zeit vor dem eigenen Leben zurück."Selbstporträt" betitelte sie 1983 das Bild eines roten Pferdes.Unter eine neue Zeichnung, die ein Pferd aus barocken Arabesken wie einst Venus aus dem Schaum des Meeres hervorbrechen läßt, hat sie eine Kette von Jahreszahlen geschrieben, die 1621 beginnt und mit der aktuellen Datierung und Signatur "1999 Christa Näher" endet.Eine Knochenhand und ein schneckig eingerolltes Wesen erinnern an barocke Allegorien, in denen sich der Keim des Lebendigen und das Abgestorbene umarmen.Die Zeichnung (20 000 DM) wirkt wie ein Plan, der die Strecke zurück in die Vergangenheit mißt.

In ihren neuen Bildern (je 35 000 DM) verbündet sich die 53jährige Malerin mit den Pferden, um von der Erfahrung einer unglaublichen Energie zu erzählen.Ob sich diese ins Destruktive wendet, ob sie gezähmt werden kann, man weiß es nicht.So wie die Tiere groß, dunkel und aus leichter Untersicht erfaßt ins Bild gesetzt sind, traut man ihnen nicht.Ihr Hochgehen vorne und ihr Ausschlagen hinten revoltiert gegen die Bildgrenzen.Diese Bewegungen, weiß die Galeristin, hat Christa Näher aus der alten Schule der Pferdedressur genommen.Der Laie aber, der nie auf dem Rücken eines Pferdes saß, erschrickt bei diesen Gesten.

Die Dunkelheit der fast schwarzen Malerei steigert das Bedrohliche der Bilder.Stünden die Pferde still, man sähe nichts; erst ihre Bewegung bringt Gestalt in die diffusen Räume.Unheimlich ist die Transparenz dieser Ballungen von Schatten, scheint doch durch die Pferdeleiber teilweise eine noch undifferenzierte Landschaft hindurch.Für Momente glaubt man sich in die Zeit vor der Schöpfung versetzt, bevor sich Licht und Dunkelheit, Himmel und Erde zu trennen begannen.Mit dem Tier beginnt das Leben.

Seit dem Beginn der Moderne tauchen die Bilder des Tieres in der Kunst und Literatur auf, um gegen die instrumentelle Vernunft und die Verdrängung des Kreatürlichen zu polemisieren.Die Philosophin Elisabeth Lenk sprach diesen Bildern die Funktion zu, "unablässig an eine Wahrheit (zu erinnern), die das selbstherrliche Bewußtsein nicht wahrhaben will: Daß wir nach wie vor kreatürliche Wesen sind, daß wir den Tieren und den Pflanzen, wieviel mehr unseren menschlichen Vorfahren näher sind als den Geräten, die uns umzingeln".Der Rückbesinnung auf den archaischen Menschen und die Tiergestalt in uns huldigten besonders die Surrealisten, unter denen sich die Malerin Leonora Carrington durch ihre Liebe zu Pferden auszeichnete.

Diesen surrealen Bildmetaphern und ihren erotischen Aufladungen stehen die Bilder Christa Nähers näher als denen ihrer Zeitgenossen.Die Ausschließlichkeit, mit der sie sich auf eine Erfahrung konzentriert und in diesem einen Moment verliert, unterscheidet sie zum Beispiel von den Tierbildern K.H.Hödickes oder der Kojoten-Performance von Joseph Beuys, welche - wenn auch mit Trauer - von der Trennung der tierischen und menschlichen Bewußtseinsformen ausgehen.

Galerie Barbara Weiss, Potsdamer Straße 93, bis 13.März; Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr, Sonnabend 11-16 Uhr.

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