Kultur : Der Humanist

Berliner Dirigent Rolf Reuter gestorben

Uwe Friedrich

Unbequem war er immer. Der Dirigent Rolf Reuter demonstrierte gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche, er ließ zum Reformationstag Mendelssohns „Reformations-Symphonie“ spielen und machte bei seiner Vorstellung von musikalischer Qualität keine Kompromisse. So prägte er als Generalmusikdirektor von 1981 bis 1993 die Komische Oper in der Ära des Chefregisseurs Harry Kupfer, der ihn aus Weimar nach Berlin geholt hatte und mit dem er spektakuläre Inszenierungen wie Wagners „Meistersinger“ und den Mozart-Zyklus erarbeitete.

Betont kühl und unpathetisch wollte Reuter den „humanistischen Kern“ der Musik freilegen, wie es in der DDR hieß. Was der Begriff Humanismus im DDR-Sozialismus bedeuten sollte, das allerdings war auch in späteren Gesprächen für ihn eine schwierige Frage. In den vergangenen Wochen war er in die Kritik geraten, weil er vor dem rechtsextremistischen „Freundeskreis Ulrich von Hutten“ über deutsche Musiktraditionen referiert hatte. Auch hier berief sich Reuter auf humanistische Traditionen, von denen er die Rechtsradikalen überzeugen wolle. Wahrscheinlich neigte der konservative Musiker zuletzt zu Kulturpessimismus: Am heutigen Musikbetrieb beklagte er den Verfall alter Werte.

Rolf Reuter sah sich in der Tradition einer untergehenden Kapellmeisterkultur. 1926 in Leipzig geboren, studierte der Sohn des Komponisten und Musikwissenschaftlers Fritz Reuter in Dresden und begab sich auf den langen Weg durch die Provinz. Nach Stationen in Eisenach und Meiningen wirkte er von 1961 bis 1979 als Gewandhauskapellmeister in Leipzig und arbeitete dort mit Joachim Herz, einem der profiliertesten ostdeutschen Regisseure. Hier konnten ästhetische Positionen ausprobiert werden, die von Berlin aus misstrauisch beäugt wurden. Auch im Ausland war Reuter gefragt, bei Gastspielen der Komischen Oper ebenso wie als Konzertdirigent. Er unterrichtete an den Hochschulen von Leipzig, Berlin und München und pflegte das Erbe Hans Pfitzners. In der Nacht zum Dienstag ist Rolf Reuter kurz vor seinem 81. Geburtstag nach schwerer Krankheit in Berlin gestorben. Uwe Friedrich

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