Kultur : Der Humanist

Zum Tod des Erzählers Augusto Roa Bastos

Gregor Dotzauer

Fast ein halbes Leben lang war er der prominenteste Gegner des Militärregimes, das General Alfredo Stroessner von 1954 an in Paraguay errichtet hatte. Selbst aus dem argentinischen Exil heraus erschien der Journalist und Schriftsteller Augusto Roa Bastos dem Diktator so gefährlich, dass er den Geheimdienst einen Mordanschlag auf ihn verüben ließ. Noch 1982, als Roa Bastos, inzwischen Professor im französischen Toulouse, seine Heimat besuchte, jagte er ihn außer Landes und erkannte ihm die Staatsbürgerschaft ab. Öffentlich rehabilitiert wurde Roa Bastos erst nach Stroessners Sturz 1989. Im gleichen Jahr wurde er für sein Werk mit dem höchsten Literaturpreis der spanischsprachigen Welt ausgezeichnet, dem Premio Cervantes. Der Weg für die Rückkehr in seine Geburtsstadt Asuncíon, wo er am Dienstag 87-jährig gestorben ist, war frei. Wenn jetzt Paraguays Präsident Oscar Nicanor Duarte Staatstrauer angeordnet hat, wird der Symbolwert dieses Schriftstellers für die demokratische Entwicklung in ganz Lateinamerika deutlich.

So kämpferisch er sich als Publizist gab, so differenziert war er in seiner Literatur – gerade da, wo sie sich mit Machtstrukturen auseinandersetzt. In Dr. José Gaspar Rodríguez de Francia, dem Supremo de la Republica von 1814 bis 1840 und Protagonisten seines berühmtesten Romans „Yo el supremo – Ich der Allmächtige“ von 1974, der in der Übersetzung von Elke Wehr vor fünf Jahren bei Suhrkamp auf Deutsch erschien, zeichnet er das Bild eines zwiespältigen Charakters. Zerrisssen zwischen den Ideen der französischen Aufklärung und den Traditionen einer übermächtigen patriarchalischen Ordnung, erscheint er keineswegs nur als diktatorischer Teufel. Erzählt wird so fragmentiert und auf verschiedene Stimmen verteilt, dass simple Parteinahme gar nicht möglich ist.

Roa Bastos war neben dem Guatemalteken Miguel Angel Asturias und dem Kubaner Alejo Carpentier eine Gründergestalt des realismo mágico, wie er Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen Surrealismus und indianischer Mythologie entstand. Roa Bastos fügte ihm seine eigene Version hinzu: durch Einbeziehung des Guaraní, der Eingeborenensprache, die in Paraguay fast von der Hälfte der Bewohner gesprochen wird; des Spanischen ist nur jeder Zweite mächtig. Der Reiz seiner Bücher, die seit dem „Menschensohn“ schon seit Anfang der 60er Jahre locken, erschließt sich im Deutschen sprachlich deshalb nur eingeschränkt. Ihre humanistische Kraft aber leuchtet aus jedem Kapitel.

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