Kultur : Der Hunger zwischendurch

Stars aus Schweden: Das Esbjörn Svensson Trio löst den Jazz von den afro-amerikanischen Wurzeln und macht Pop

Andreas Kötter

„Jazz“ bezeichnet einen japanischen Familienwagen, der durch sein „perfekt durchdachtes Innenraumkonzept“ überzeugt. Als „frischer Duft für den Herren, mit blumigem und aromatisch grünem Charakter und leicht holziger Struktur“ wird „Live Jazz“ – ein Eau de Toilette von Yves Saint Laurent – beworben. Es gibt eine Einweg-Kamera namens „Jazz“ und das amerikanische Utah Jazz Basketball- team. Und es gibt E.S.T. – das Esbjörn Svensson Trio. Vom amerikanischen „Down Beat Magazine“ als eine der heißesten europäischen Jazz-Formationen geadelt, widmen auch Fachzeitschriften diesseits des Atlantiks jeder neuen Veröffentlichung des Trios Titelseiten. E.S.T.– Videos laufen auf MTV Scandinavia, einzelne Stücke finden sich in den Pop- Charts wieder. Mehr als 100000 Menschen erlebten das mit vielen Preisen ausgezeichnete Trio während ihrer Tournee im vergangenen Jahr live.

Angesichts dieser überwältigenden Präsenz sind Pianist Esbjörn Svensson, Schlagzeuger Magnus Öström und Dan Berglund am Bass längst zum Synonym für europäischen Jazz geworden – und haben doch in den Augen der Gralswächter des Jazz mit dieser Musik nicht viel zu tun. „Esthetic namedropping“ schimpft Wynton Marsalis vom Jazz at Lincoln Center. Sie wollten ihrem Produkt mit dieser Bezeichnung ästhetischen Wert verleihen, ohne Jazz zu spielen.

Und wirklich hat die Musik von E.S.T. mit dem traditionellen Jazz-Begriff nicht viel zu tun. Lichteffekte und Nebelschwaden begleiten die in großen Hallen zelebrierten Konzerte. Der individuelle Ausdruck tritt hier zugunsten eines gemeinsamen Ganzen zurück, ekstatische Repetition ersetzt intellektuelle Improvisation. Artifizielle Distanz wird für die kraftvolle Unmittelbarkeit von Rock-Songs aufgegeben. Angesichts des unverkrampften Umgangs mit Elementen verschiedener Stilrichtungen gelangen die bekennenden Radiohead-Fans vor allem über den Sound zu einer eigenen Identität. „Wir brauchen die amerikanischen Jazzstars auf den europäischen Festivals nicht, wir haben das alles schon gehört. Jetzt sollte die kreative europäische Szene eine Chance bekommen“, meint Esbjörn Svensson, und stellt die afro-amerikanische Deutungshoheit in Frage.

Dabei hat gerade der schwedische Jazz eine traditionelle Affinität zum amerikanischen Original. Der Besuch des Saxofonisten Benny Carter 1936, Charlie Parkers Konzerte mit einheimischen Musikern 1950, die „Ornette Coleman Trio at the Golden Circle in Stockholm“-Aufnahme von 1965, vor allem aber der Aufenthalt von Stan Getz prägten die Entwicklung des schwedischen Jazz. „Dear Old Stockholm“ ist der Name des Jazzklassikers, den der Star-Saxofonist hier unter Verwendung eines schwedischen Volksliedes aus Varmeland aufnahm.

Unberührt vom Kontext rassistischer Unterdrückung und kommerzieller Ausbeutung wurde der Rückgriff auf lokale Volksmusik für viele europäische Musiker zum gängigen Verfahren. Joachim Ernst Berendts Versuch, Jazz mit traditioneller Alpen-Musik zu verbinden (1967 in Basel) und stärker noch Jan Garbareks Adaptionen norwegischer Weisen geraten diesem europäischen Zweig zum Markenzeichen. Nach Lars Gullin, Arne Domnerus und Ake Persson war es in Schweden vor allem Jan Johansson, der aus der Rückbesinnung auf folkloristische Wurzeln innovative Neuerungen entwickelte. Heute prägen Nils Landgren mit seiner Funk Unit, die Sängerin Viktoria Tolstoy („My Swedish Heart“) und eben E.S.T. (allesamt beim Münchner ACT-Label unter Vertrag) den populären Schweden-Jazz. Landgren und Svensson haben mit Aufnahmen wie „Swedish Folk Modern“ eine europäische Jazz-Erfahrung fortgesetzt – ohne in ihr gefangen zu sein. So ist neben den Solo-Aufnahmen des allgegenwärtigen Keith Jarret so ziemlich alles, was im Radio läuft, in die Musik eingeflossen. Sie ist der adäquate Ausdruck eines Alltagerlebens, dem historische Bindung und räumliche Abgrenzung angesichts der medial-globalen Gleichzeitigkeit abhanden gekommen sind. Mit ihr identifiziert sich eine Generation, die in Stilen von Pearl Jam bis Suede, von Bach bis Steve Reich beheimatet ist.

Jazz wurde eben nicht nur in Amerika erfunden und dann exportiert, sondern hat sich durch die Ausbreitung in kulturell und geografisch entlegene Gegenden ständig verändert und neu definiert. „Viaticum“ heißt das aktuelle Album des Trios, es markiert „den Reiseproviant, den die Band den Hörern mit auf den Weg geben möchte“, wie Svensson erklärt. Ob entwicklungsgeschichtliche Sackgasse oder Brückenkopf, es ist die treffende Bezeichnung für eine Musik, die immer unterwegs ist – und aus dieser Bewegung ihre Bedeutung gewinnt.

E.S.T., heute in der Columbiahalle.

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