Kultur : Der in New York lebende Konzept-Künstler verteidigt seine Installation in Berlin

Nicola Kuhn

Im Parlament formieren sich Gegner und Befürworter des umstrittenen KunstwerksNicola Kuhn

Ein wenig "erstaunt" sei er schon gewesen, so Hans Haacke gestern über den Widerstand gegen seine für den Bundestag geplante Installation. Das klingt nach dem typischen understatement eines Konzeptkünstlers, der seine Enttäuschung über die teils heftigen Gegenreaktionen wohl eher herunterspielt, um sich mit aller Nüchternheit einer höchst emotional geführten Diskussion zu stellen. Denn Haackes knapp zwanzig mal sieben Meter mit Erde gefüllter Holztrog, der in metergroßen Leuchtbuchstaben den Schriftzug "Der Bevölkerung" aufnehmen soll, hat bei Abgeordneten aller Fraktionen Widerstand hervorgerufen. Sie wollen entgegen der Empfehlung des Kunstbeirates und dem bereits ergangenen Auftrag der Bundesbaugesellschaft das Werk noch vor seiner Aufstellung kippen. Schon soll der vom kulturpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktion Norbert Lammert eingereichte Gegenantrag rund 140 Unterschriften vereinen. Das Thema wird voraussichtlich Anfang nächsten Monats bei einer Plenarsitzung des Bundestages zur Sprache gebracht. Ob es überhaupt zur Abstimmung kommt, ist noch offen. Doch seit vergangener Woche gibt es auf Initiative des Sprechers der Arbeitsgruppe Kultur und Medien der SPD-Bundestagsfraktion, Gert Weisskirchen, dazu wiederum einen Gegenantrag, der jetzt die Befürworter des Haacke-Werks vereint. In dieser aufgeheizten Stimmung hat sich nun die Berliner Akademie der Künste, deren Mitglied Haacke jedoch nicht ist, als "neutraler" Ort für eine Podiumsdiskussion angeboten. Der eigens aus New York eingeflogene Künstler stellte sich vorab gestern den Fragen der Journalisten.

Dabei schien das Interesse aufgeteilt zwischen dem hiesigen Konflikt und den derzeitigen Auseinandersetzungen, die der Künstler als Teilnehmer der New Yorker Whitney-Biennale auszufechten hat. Auch dort hat sein Beitrag empörten Widerstand herausgefordert; auch dort soll es nach Meinung der Gegner noch vor Ausstellungseröffnung wieder zurückgezogen werden. Obwohl sich Haacke auf eine Vergleichbarkeit der beiden Fälle nur bedingt einlassen wollte, zeigte er sich gleichermaßen "verblüfft": "An beiden Orten habe ich mich gegen etwas zu verteidigen, was noch gar nicht zu sehen ist."

So viel ist jedoch aus New York bekannt, dass kunstfeindliche Zitate von Politikern in Frakturschrift an die Museumswand angebracht und Mülltonnen, aus denen Marschierlärm dringt, aufgestellt werden sollen. Bürgermeister Ralph Giuliani, von dem einer der Aussprüche stammt, hat in seinem Protest gegen das Werk vergangene Woche die Unterstützung durch Mitglieder der Whitney-Familie bekommen, die noch heute zu den Geldgebern des Museums gehören. Wie beim Bundestag versteht es Haacke auch in seiner jüngsten New Yorker Arbeit zu provozieren: Während in Berlin sein Schriftzug die Portal-Widmung des Reichstags "Dem deutschen Volke" konterkariert, die seiner Meinung nach durch Drittes Reich und DDR negativ konnotiert ist, vergleicht er Giuliani und die anderen zitierten Politiker mit den nationalsozialistischen Zensoren, die ebenfalls nicht genehme Kunst zu verhindern suchten. Der jeweilige Aufschrei war also vorprogrammiert. Nur mit einer solchen Vehemenz hatte der Künstler offensichtlich nicht gerechnet.

Sowohl in Berlin wie in New York setze er sich mit seinen Werken für verbrieftes Recht ein, erklärte Haacke deshalb gestern in der Akademie der Künste noch einmal mit Nachdruck: Mit seinem Bundestag-Beitrag veranschauliche er den Paragraph Drei des Grundgesetzes, der allen Menschen - nicht nur den Mitgliedern der Volksgemeinschaft - gleiche Chancen einräume. Mit seinem New Yorker Projekt wolle er nur die bedrohte Freiheit der Kunst verdeutlichen.

Zur Frage, ob er an rechtliche Schritte denke, wenn der Bundestag tatsächlich seinen Beitrag ablehne, mochte sich Haacke noch nicht äußern. Er wies allerdings auf ein mögliches Anrecht auf Bezahlung hin; schließlich existiere im Vertrag mit der Bundesbaudirektion keine Ausstiegsklausel. Einen Vergleich mit Christo & Jeanne Claude, deren Reichstagsverhüllung zu einer erstmaligen Bundestagsdebatte über Kunst geführt hatte, wollte er nicht gelten lassen: "Ich wurde als Künstler offiziell eingeladen, einen Beitrag zu leisten; bei Christo & Jeanne Claude war es genau anders herum." Ob der Bundestag jetzt noch zu seiner Einladung steht, wird sich bei der mit Spannung erwarteten Plenumsdebatte zeigen. Thomas Krüger, der als ehemaliges Mitglied des Kunstbeirats dem umstrittenen Künstler gestern zur Seite stand, erklärte dazu nur lakonisch: "Wenn man einen Haacke bestellt, darf man sich nicht wundern, wenn man einen Haacke bekommt."

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