Kultur : Der innerste Kreis der Hölle

ULRICH DEUTER

Der Mensch ist schlecht.Und ihn zu bessern sind eine Menge Tugendwächter bemüht.Während den barmherzigen unter ihnen dieser oder jener Ablaßhandel reicht, haben echte Menschheitsverbesserer die Psychoanalyse, die Grand Jury und die skandinavische Dramatik erfunden.Auch der Schwede Lars Norén ist immer eine Art Kenneth Starr privater Beziehungen gewesen, was Anfang der 80er scharf wie frischer Strindberg war.Mittlerweile würzt ein Schuß Schwedentrunk jede Daily soap, und Norén, soziologisch gewendet, ist dazu übergegangen, die entblößte Kleinbürgerseele in den Dienst des moralischen Fortschritts zu stellen und in ihr "die Wahrheit über uns" ans Licht zu bringen.

Die Wahrheit der "Rumänen" Sam und Maria ist, daß sie illegal irgendwo in Manhattan hausen.Zur Angst vor der Polizei kommt Marias Angst vor ihren Kunden: sie verdient Geld in einer Peep Show.Genauso wie sie, einst Schauspielerin, ist Sam heruntergekommen: ein Schriftsteller, der seit Jahren keine Zeile zu Papier gebracht hat.Zersetzender als die aussichtslose Zukunft aber wirkt beider Vergangenheit; als Sam unter Ceausescu im Gefängnis saß, war Maria dessen Schergen zu Willen, um ihren Mann freizubekommen.Nun hat Sam für sie nur noch Verachtung übrig, die sich in endlosen sexistischen Attacken entlädt.Seine Hoffnung ist auf die Verehrung eines Popstars geschrumpft, sein Weltbild auf ein paar Zeilen des Soziologen Bourdieu, in denen das Fremdsein in der Welt zum modernen Regelfall erhoben wird.Erholung vom Geschäft männlicher Quälerei und weiblicher Unterwürfigkeit offeriert die Einladung zum Bier bei dem jungen Paar von unten.Doch Mike und Myrtle, die Einheimischen, sind nur ein Zerrbild der Heimatlosen und noch totaler mit der Welt zerfallen: sie huldigen einem Satanskult und werden möglicherweise wegen Mordes gesucht - vielleicht, so raunt es dunkel, findet die Bluttat aber auch erst in der Zukunft statt.

"Rumänen", eine von Noréns jährlich mehreren Neuproduktionen, war schon auf der diesjährigen Bonner Biennale in der Stockholmer Ur-Inszenierung zu sehen; wenn man das Stück seiner "Wahrheit über uns" entkleidet, weil sie eine allzu schlichte ist - wir sind alle Rumänen in New York -, bleibt das Protokoll einer zerstörten Beziehung, dem ein wenig politische Ursächlichkeit untergeschoben ist.Klug setzt die Regie der deutschen Erstaufführung daher auf die Schauspieler: Ulrich Kuhlmann kann seinem Sam immerhin soviel Verletztheit geben, daß dessen zotige Rabulistik als Versuch akzeptabel wird, mit Gewalt die Nähe wiederzufinden, die durch Marias unfaßbare Tat - Verrat als Treue - verstellt ist.Dem korrespondiert Julia Wieninger mit der ängstlich festhaltenden Ergebenheit ihrer Maria.Dem blassen Satanistenpärchen aber kann auch Heinz Kreidls Bonner Regie kein Leben einhauchen, und ein paar handlungsverdoppelnde Videosequenzen, ein wenig nervöses Hin und Her erheben ein szenisches Anhängsel, das einen Schnipsel Jugend- und Sektenszene hinwirft, nicht zur kulturkritischen zweiten Dimension.

Dramaturgisch schlüssiger ist da ein Zufall, der anderntags und zwanzig Kilometer rheinabwärts gewissermaßen die Vorgeschichte zu "Rumänen" erzählt und das Spätwerk eines Schweden am Frühwerk eines Amerikaners mißt - eines Dramatikers, auf dem ebenfalls zeitlebens der Schatten Ibsens lag: Tennessee Williams.Auch in "Aber nichts von Nachtigallen" bietet sich eine junge Frau, Eva, einem Gefängnisdirektor an, um ihren Geliebten, Jim, zu befreien.Doch der Akt äußerster Liebe bleibt hier ungetan, die Zukunft offen - wir befinden uns im Land immerwährender Hoffnung und strenger Moral, in Amerika 60 Jahre vor Clinton.

Als Williams 1938, 26jährig, für drei Einakter einen Preis erhielt, war dies für ihn die Befreiung aus beruflich-familiärer Gefangenschaft in ein neues Leben als Dramatiker - mit dem frisch zugelegten Namen Tennessee.Auch das abendfüllende Stück, das damals nicht prämiiert und später nie aufgeführt wurde, handelt vom Ausbruch aus einem Gefängnis, einem inneren der Zwänge und Liebesunfähigkeit, einem äußeren, in dem Jim - man erfährt nie, warum - seit zehn Jahren einsitzt.Die Imagination eines neuen Lebens findet er in der Literatur, die Kraft durchzuhalten im Vorsatz, draußen das Schreiben zu beginnen - jedoch "Not About Nightingales" wie Keats, dessen romantische Ode er verachtet, sondern über das Leben selbst.

In "Nachtigallen", das erst vor zwei Jahren von Vanessa Redgrave entdeckt und im März am Londoner National Theatre uraufgeführt wurde, sind die großen Williams-Figuren schon angelegt: die lebenshungrige Frau (wie Blanche in "Endstation Sehnsucht"), der in verhärteten Konventionen erstickende Mann (wie Brick in "Die Katze auf dem heißen Blechdach").Nirgendwo in den späteren Stücken aber existiert zugleich eine so realistische Sozialkritik: drastisch werden die Verhältnisse auf einer Gefängnisinsel vorgeführt, auf der ein zynischer Kommandant jede Menschenwürde unterdrückt.Der innerste Kreis dieser Hölle ist ein Folterbad, in dem aufmüpfige Sträflinge zu Tode gebrüht werden; Williams nahm tatsächliche Vorfälle in Pennsylvania als Anregung.

Das Quidproquo, das Norén zu verflechten glaubte, hier herrscht es von Anfang an: im Innern der Gefängnismauern waltet eine Männergesellschaft, deren Hierarchie, Härte, Fixiertheit auf die eigene Physis, Liebesangst und knabenhafte Weiberträume Allgemeincharakter besitzen."Wir alle haben Mauern um uns herum", weiß Jim.In dieses Lebensgefängnisdunkel aber streut Williams bemerkenswerte Blumen: ein Schwarzer ist der Favorit aller Häftlinge, ein Schwuler darf schwul sein und wird nicht einmal gehänselt dafür.Auch dies, neben der Polizeikritik, ein vorstellbarer Grund, daß "Nachtigallen" nicht zur Aufführung kam.

Meuterei, unerfüllte Liebe, Heldentum, Tod, Bestrafung des Bösen, Flucht des Helden - der Plot des Stücks wie seine Personen haben Hollywood-Format: der bullige Anführer Butch, Fluch und Schutz seiner Mithäftlinge, der am Ende bleiben muß, weil er nicht "schwimmen" kann; die Sekretärin Eva zwischen Solidarität und Entlassungsangst, Liebe zu Jim und triebhaftem Hingezogensein zu dem Direktor; vor allem aber Jim selbst, der die Rebellion hinunterschluckt, weil er als einzige Möglichkeit sieht, sich - als Kalfaktor - anzupassen und den Haß in der Literatur zu sublimieren.Doch diese Reifung vom wütenden Widerständler zum Lebensklugen bleibt gebrochen, unter Verratsverdacht; weswegen Jim am Ende doch zur Waffe greift.

"Nachtigallen" besteht aus 22 getitelten Episoden, aus Leitmelodien, Chören und Stimmen aus dem Off; Williams stellte sich offenbar kurze, intensive Szenen vor, "Großaufnahmen", wie das Kino sie bot, schnelle, nur durch Licht erzeugte Wechsel und musikalische Couplets, wie er sie von Brecht kannte (und später bei Piscator in New York vervollkommnen lernte).Die deutschsprachige Erstaufführung in Kölns "Halle Kalk" streicht all dies "Brechtische" und Revuehafte (bis auf die Szenentitel), drosselt das Tempo, entkörpert die Figuren bis zur Zeichenhaftigkeit, inszeniert eine Parabel ortloser Verlorenheit, in der die Gefangenen als Nachtasylanten in Edellumpen - dunkler Sakko über nackter Brust - auf einem Gitter lagern, das zwischen zwei einander gegenüberstehenden Zuschauertribünen schwebt.Bis auf Butch sind die Männer matte Staffage, auch Jim (Markus Gertken) fehlt hinter seinem stolzen "Steingesicht" das, was ihn als Figur faszinierend macht, das träumerisch Rebellische.Gewalt wird gezeigt, ist aber nicht abzunehmen, auch keine Not, kein Zittern, nicht die Sehnsucht nach der rätselhaften Hitze des Lebens, von der die Gefangenen - die Menschen, die Männer - ausgeschlossen sind und die dem Gesellschaftsskeptiker und "Vitalisten" Williams so viel galt.Und da Eva Jim nicht schwärmerisch stark, sondern, politisch korrekter, mit patziger Kühle entgegentritt, fehlt auch diese Spannung.Der Regisseur Torsten Fischer, anfangs behutsam, zuletzt unwirsch im Text streichend, hat eben doch nur eine unbeteiligt ihr Kunstlied pfeifende Nachtigall gewollt.

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