Kultur : Der Intendant kann gehen

Udo Zimmermann verlässt nun die Deutsche Oper Berlin: ein Rückblick auf Feste und Luftnummern

Frederik Hanssen

Würde Andreas Homoki an denselben Maßstäben gemessen, die die Berliner Politik im vergangenen Jahr beim Intendanten der Deutschen Oper, Udo Zimmermann, anlegte – der Chefregisseur der Komischen Oper hätte seine Kündigung längst auf dem Tisch. Verglichen mit der Zuschauerflucht, die Homoki zumindest am Anfang seiner ersten Spielzeit hinnehmen musste, wirken die auf 64 Prozent gesunkenen Auslastungszahlen, die im Jahr 2002 Zimmermann zum Verhängnis wurden, geradezu rosig. Udo Zimmermann aber, dessen Spielzeit an diesem Sonnabend endet, wurden Geduld und Fairness nicht zuteil.

Nach nur 23 Monaten im Amt muss er gehen. Zweifellos hat Udo Zimmermann Fehler gemacht. In Leipzig war er Monopolist, wer in die Oper gehen wollte, musste zu ihm kommen. Dabei ließen sich vor allem die Journalisten locken, von den Uraufführungen, von Regie-Namen wie Konwitschny, Tabori oder Willy Decker. Die Schlagzeilen, die er dann in Berlin produzierte, waren allerdings nicht dazu angetan, seinen Ruf als einer der innovativsten Musikermöglicher der Republik zu festigen: Noch vor dem Amtsantritt rasselte er mit seinem künftigen Generalmusikdirektor Christian Thielemann zusammen. 1997 von Götz Friedrich bestallt, hatte der Maestro darauf gehofft, in der neuen Führungsmannschaft auf Augenhöhe mit dem Intendanten agieren zu können.

Als sich Udo Zimmermann dieser Doppelspitze verweigerte, kündigte Thielemann 1999 – um zwei Jahre später thriumphal zurückzukehren, reinthronisiert von einflussreichen West-Berliner Kreisen. Obwohl Zimmermann mit Fabio Luisi nach Thielemanns türenknallendem Abgang schnell einen allseits geschätzten Künstler bei der Hand hatte, wurde sein Kandidat von der Personalkommission des Abgeordnetenhauses abgelehnt (pikanterweise wird Luisi nun an der Staatsoper beschäftigt – und gefeiert).

Nachdem sich Zimmermann durch unvorsichtige, unhaltbare Versprechungen auch noch das Orchester zum Gegner gemacht hatte, war seine Position derart geschwächt, dass er vor der Wahl stand, sich Thielemann zu beugen oder seinen Hut zu nehmen. Als er sich auf die Rückkehr des beliebten Dirigenten einließ, war klar: Lange bleibt Zimmermann nicht mehr am Haus. Am 30.September 2002 verkündete der Generalintendant in einer turbulenten Pressekonferenz sein Ausscheiden zum Sommer 2003.

Künstlerisch hat Udo Zimmermann in seinen beiden zwei Spielzeiten nicht wirklich etwas falsch gemacht. Er hat die große Berlinerin Anja Silja nach 40 Jahren zurück an die Deutsche Oper geholt, er hat mit Ofelia Sala dem Ensemble eine neue Primadonna aus Leipzig mitgebracht, interessante Dirigenten wie Marc Albrecht, Alberto Zedda, Peter Rundel und Lothar Zagrosek engagiert. Abgesehen von Sven-Eric Bechtolf („Hoffmanns Erzählungen“) zählten alle Regisseure, die er nach Berlin holte, zum Kreis der internationalen Spitzenklasse.

Im besten Sinne streitbare Produktionen waren der trashige Massenet-„Werther“ von Sebastian Baumgarten, ebenso wie Hans Neuenfels’ „Idomeneo“ und Messiaens „Saint François d’Assise“, für den der Erbauer des Jüdischen Museums Berlin, der Architekt Daniel Libeskind, Regie und Bühnenbildskulptur beisteuerte. Ein wahres Fest schließlich wurde Rossinis „Semiramide“, von Kirsten Harms geschickt bebildert und von Altmeister Alberto Zedda in Regionen der Belcantoperfektion geführt.

Mit Christof Nel war ein weiterer Spitzen-Regisseur für Beethovens „Fidelio“ engagiert – dass es dennoch zum Skandal kam, offenbarte eine Schwachstelle des Hauses: Eine Dramaturgie-Abteilung, die im Notfall bereit ist, den Regisseur durch beherztes Eingreifen auf einen gangbaren Weg zurückzubringen, wenn die optische Umsetzung allzu sehr aus dem Ruder läuft, gibt es derzeit an der Deutschen Oper nicht. Und Zimmermann selber, der neben seinem Berliner Job unbedingt noch die „Musica Viva“-Konzertreihe in München und das Dresdner Zentrum für Zeitgenössische Musik weiterbetreuen wollte, war zu oft abwesend, um die Zügel allein in der Hand halten zu können.

Neben seinem mangelnden Gespür für hausinterne atmosphärische Schwankungen schadete sich Zimmermann aber auch nach außen durch seine Tendenz zu vollmundigen Ankündigungen, die sich oft als Luftnummern erwiesen: Weder gelang es ihm, Woody Allen als Operettenregisseur zu gewinnen, noch realisierte sich ein Xenakis-Orestie-Projekt mit der Schaubühne, der Monteverdi-Zyklus oder die groß angelegte Kooperation mit der Akademie der Künste im Bereich des experimentellen Musiktheaters.

Dennoch rechtfertigte nichts von alledem einen übereilten Rauswurf. Zumal Zimmermann an der Deutschen Oper – wie Homoki an der Komischen Oper – sein Amt unter erschwerten Bedingungen antrat: Beide übernahmen Positionen, auf denen über 20 Jahre jeweils ein Patriarch gesessen hatte: Götz Friedrich leitete seit 1981 die Deutsche Oper, Harry Kupfer war seit demselben Jahr Chefregisseur an der Komischen Oper. Wer als Fremdling in solche Trutzburgen eindringen will, braucht gute Strategien und viel diplomatisches Geschick. Mit beidem sind offensichtlich weder Zimmermann noch Homoki reich gesegnet. Während allerdings Homoki den offenen Konflikt im eigenen Haus suchte und damit die Komische Oper in den vergangenen Monaten vom Rand des Kollapses zu spektakulären Erfolgen (mit „Don Giovanni“ und Ligetys „Grand Macabre“) führte, wurde Zimmermann just in dem Moment der Laufpass gegeben, da sich künstlerisch und im Publikumszuspruch eine Konsolidierung seines Hauses abzeichnete.

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