Kultur : Der Intendant

ULRICH ECKHARDT

Zuletzt sagte er allen, die den scharfen Beobachter vermißten, er habe alles erlebt, gesehen, gehört, was seine Zeit geboten habe.Es ist wahr - ein Zeuge des Jahrhunderts hat uns verlassen, der seinesgleichen nicht hatte.Sein Leben umspann Kaiserreich und Weimarer Republik, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg, Exil und Frontstadt.An Berlins kulturellem und geistigen Wiederaufbau hatte er Anteil - weit hinaus über seinen Intendantenberuf - als international erfahrener politischer Berater.

Wolfgang Stresemann wird in Erinnerung bleiben als hellwacher Zeitgenosse mit unbestechlichem Urteil aus kühlem Kopf und heißem Herzen.Er war ein Grandseigneur mit Grundsätzen, der seine Meinungen präzise, klar und konsequent vertrat, manchmal kantig und unbequem, freigiebig mit Vorschlägen und Empfehlungen, scharf in der Reaktion auf Dummheit, Trägheit, Ignoranz und eitle Oberflächlichkeit.Seine Diplomatie endete dort, wo sie in Selbstverleugnung umgeschlagen wäre.

Mit zunehmender Erfahrung war er für Kollegen und Partner eine Autorität, eine Instanz des Urteils über Qualität und Rang des musikalischen Kunstwerks.Auch im Alter ließ seine kritische Energie nicht nach.Viele haben viel gelernt von ihm, vor allem dies: daß Musik auch eine Übung des Geistes ist, eine Kunst der Logik und Gesetzmäßigkeit.Ungeduld und schneidenden Widerspruch erfuhren diejenigen, die ihm mit schmeichelnden Phrasen und weitverbreiteten Platitüden in die Quere kamen.

Von Wolfgang Stresemann lernen, hieß seine eigenen professionellen Schwächen zu erkennen, und das ist weit hilfreicher als unverbindliche Nettigkeiten.Als ich 1973 nach Berlin kam, galt klugerweise ihm der erste Besuch; denn schließlich hatte er als philharmonischer Intendant zehn Jahre zuvor die 13.Berliner Festwochen 1963 gerettet, als Gerhart von Westerman, sein Amtsvorgänger, starb.Glücklicher Zufall: Im selben Herbst wurde mit Adolf Arndts berühmter Rede die Philharmonie eröffnet.Karajan und Stresemann hatten den genialen Entwurf Scharouns durchgesetzt.

Wieder Stresemanns Rat einholend, leitete - quasi als späte Gegenleistung - der Festwochenintendant die Philharmonie 26 Jahre später in der Saison 1989/90.In diese Zeit fiel die Wahl Claudio Abbados als Karajans Nachfolger.So hat uns über 25 Jahre hinweg ein Netz von Zusammenhängen und Gesprächen verbunden.Mit Herbert von Karajan, diesem "seltsamen Mann", lebte und arbeitete Stresemann in einer Art labilen Gleichgewichts - durchaus zum Nutzen außerordentlicher gemeinsamer Leistungen.Beide begegneten und umkreisten sich in vorsichtiger Distanz, in Respekt voreinander.Sie tauschten sich auf Augenhöhe aus.Karajan bewunderte insgeheim die hohe Bildung, den kosmopolitischen Geist, die Fähigkeit genauen Urteils, die Ausdruckskraft seines als gleichrangig empfundenen Partners, der dem engeren Kreis der "Karajaniden" nie angehörte.Dafür war er zu freigeistig und selbstbewußt.

Als aufgeklärter Konservativer war Stresemann auch ein guter Förderer der neuen Musik.Er richtete die Reihe "Musik des 20.Jahrhunderts" ein, plante sie vorbildlich, berief beispielsweise Zender und Henze als Dirigenten.Es kennzeichnet sein Berufsethos, daß er nicht wie die anderen Musikmanager ehrsüchtig allein den Uraufführungen nachjagte.Sein beherzigenswerter Rat: zweite und dritte Interpretationen in besserer Qualität seien für das Werk wichtiger.

Schließlich hat er mir sein wichtigstes Arbeitsprinzip einleuchtend vermittelt: die sich aufdrängen und aufspielen, sind es nicht, sondern die Stillen, die aufzuspüren und zu ermutigen sind.Sein Vermächtnis: stetige Aktualisierung des musikalischen Werks, Neugier auf künstlerische Entdeckungen, nüchterne, zurückhaltende Professionalität, genaue Wahrnehmung musikalischer Prozesse, geschärftes Urteil über Interpretation - und das alles auf dem Fundament nachdenklicher Befragung des kulturellen Erbes.Für die Nachrückenden bleibt Wolfgang Stresemann das Idealbild eines Intendanten.

Der Autor, Intendant der Berliner Festpiele, war 1989/90 Interims-Intendant des Berliner Philharmonischen Orchesters.

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