Kultur : Der Irak-Komplex

Zeichnungen von Raymond Pettibon in Berlin

Ulrich Clewing

Der Mann auf der Einladungskarte liegt noch im Bett und sieht aus, als stünde es mit seiner Laune nicht zum Besten. Könnte sein, dass die Nacht zu kurz und es ein paar Drinks zu viel waren. Doch vielleicht ist es auch ganz anders und Raymond Pettibons Wecker hat in aller Frühe geklingelt weil er einen langen Tag im Atelier vor sich hat.

Das umfangreiche Konvolut an Zeichnungen, das die Galerie Contemporary Fine Arts zeigt, legt letzteren Schluss nahe. Und noch mehr: Das griesgrämige Konterfei des 1957 in Tuscon/Arizona geborenen Künstlers und seine bissigen Zeichnungen belegen, dass es in seinem Heimatland gegenwärtig wenig zu lachen gibt – und wenn, dann nur zynisch, respektive unterlegt mit leichter Hysterie. Nein, Pettibon ist offenbar nicht sehr zufrieden mit seinem aktuellen Präsidenten und dessen Außenpolitik, und er versteht es, diesem Gefühl auf ziemlich ätzende Weise Ausdruck zu verleihen.

Unter den rund 50 neuen Zeichnungen aber auch solche, die sich eher mit den dunklen Zonen einer durchschnittlichen US-Adoleszenz auseinander setzen (Preise von 5000 bis 10000 Euro). Eine mythische Figur wie Batman verträgt keine Darstellung von exaltierten Sexualpraktiken. Das weiß Pettibon, und deshalb bereitet es ihm besonderes Vergnügen, dem Helden genau die zu unterstellen („His Boy Robin“, 2005). Etwas mehr Sympathie empfindet der Künstler, der den Geist des Punk so kongenial wie kaum ein anderer auf das Gebiet der Illustration übertragen hat, mit Motorradrockern. Was man vor allem daran merkt, dass sich sein harter Zynismus in einer Zeichnung wie „No Title (runs with a)“ für einen kurzen Moment zur etwas sanfteren Ironie abschwächt.

Doch im Großen und Ganzen gilt das Motto, das Pettibon vor drei Jahren für eine Ausstellung in Los Angeles wählte: „Heaven knows I’m misrable now“. Zum Glück ist sich der 47-Jährige im Klaren darüber, welches die Gründe dafür sind: Bigotterie, Verlogenheit, Kriegstreiberei, Dummheit, Gewalt, Unterdrückung, Sexismus. All das erkennt Pettibon in seiner unmittelbaren Umgebung, er leidet darunter und sucht Linderung, indem er die Dinge beim Namen nennt, aufschreibt und in Bilder fasst, als könne er die Albträume dadurch mit einem Bann belegen. Wer nach diesem Irak-Komplex wissen möchte, wie es um das kritische Potenzial in den USA bestellt ist: Kein Anlass, die Hoffnung zu verlieren.

Contemporary Fine Arts, Sophienstraße 21, bis 30. April; Dienstag bis Freitag 10–13 Uhr und 14–18 Uhr, Sonnabend 11–17Uhr.

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