Kultur : Der Judenstern auf dem Schreibtisch

JÖRG PLATH

Die kleine rote Markierung um einzelne Nummern in der Liste der Vitrinengegenstände mutet wie eine gelungene Metapher an.Verschwiegener könnte ein Ausstellungsmacher wohl nicht aufmerksam machen auf die lückenhafte Überlieferung der Ereignisse in den Nachlässen - zumal, wenn es sich wie bei Elias Canetti, Franz Baermann Steiner und H.G.Adler um drei Männer handelt, die von den Nationalsozialisten bedroht, vertrieben oder in Konzentrationslager deportiert wurden.Aber leider entspringen die Kennzeichnungen nur dem archivarischen Geist des Schiller-Nationalmuseums Marbach: markiert sind die Exponate, die am Neckar geblieben sind, weil sie nicht in die kleineren Vitrinen des Literaturhauses Berlin passen.

Hoffentlich werden die Markierungen dort nun nicht entfernt.Denn sie taugen tatsächlich als Metapher für die Ausstellung "Ortlose Botschaft.Der Freundeskreis H.G.Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner im englischen Exil".Von einem Freundeskreis ist in ihr nämlich kaum die Rede, viel mehr von dem, was ihm entgegenstand.Daß die Exulanten Canetti und Steiner die Distanz schätzten und monatelang nichts voneinander hörten, bedeutete noch das geringste Hindernis.Gewichtiger war schon, daß Adler erst 1947 nach England übersiedeln konnte, nachdem er Theresienstadt, Auschwitz und zwei weitere Lager überlebt hatte.

Adler entstammte wie Steiner dem kleinbürgerlichen, assimilierten Prager Judentum.Die Freunde liebten die deutsche Dichtung und versuchten sich neben ihren Studien als wohl die letzten der "Prager Schule" erfolglos als Dichter.1937 lud Adler, der als Sekretär und Lehrer an der Prager Volksbildungsorganisation "Urania" arbeitete, den 32jährigen Elias Canetti zu einer Lesung aus der "Blendung" ein.Beide waren beeindruckt voneinander.Steiner traf Canetti einige Monate später in Wien.1939 begegneten sie sich in London wieder, wohin Canetti mit seiner Frau Veza geflohen war und wo Steiner während seiner ethnographischen Studien unfreiwillig zum Flüchtling wurde.

Die drei Männer teilen neben der Geschichte der Verfolgung auch die Anstrengung, jene sowohl literarisch als auch wissenschaftlich zu begreifen.Aus diesen Momenten rekonstruiert der Ausstellungsmacher Marcel Atze den "Freundeskreis".Bekundungen der Freundschaft waren in ihm offenbar selten, und so erscheint der "Freundeskreis" streckenweise als wohlfeile These, um den neu nach Marbach gelangten Nachlaß von H.G.Adler präsentieren zu können.Canetti, dessen Nachlaß noch bis zum Jahre 2024 verschlossen ist, dient Marcel Atze als Lockvogel.

Das Verfahren ist durchaus legitim, seine Gegenstände außerdem lohnend.Die Gedichte des poeta doctus Steiner wurden erst nach seinem Tod 1952 verlegt und sind heute wieder vergessen.Auch der einst berühmte Holocaust-Forscher Adler - der seine Vornamen nicht mehr ausschrieb, weil sie auch ein Stellvertreter Eichmanns trug - ist heute vergessen, sein schriftstellerisches Werk war schon zu Lebzeiten in den Schatten seines wissenschaftlichen geraten.

Daher kann es jedoch nicht genügen, lediglich biographische Kontexte darzustellen.Bei unbekannten Werken darf man Auszüge erwarten sowie ausführlichere Erläuterungen als eine Widmung Canettis für Adler, "who lived what I only thought", oder als die Bemerkung, Steiners Arbeit über die Sklaverei sei "ein Zwillingsbruder" von Canettis "Masse und Macht".Und daß das monumentale Werk des späteren Literaturnobelpreisträgers in seinen mythologischen Ausführungen von Steiners Kenntnissen zehrt, ist nur dem gewohnt akribisch-vorzüglichen Katalog zu entnehmen.

Um so stärker wirken angesichts der kargen schriftlichen Zeugnisse die wenigen ausgestellten Gegenstände: Canetti und Steiner auf einem Ölgemälde im Gespräch, Adlers Löffel aus Birkenau, sein Judenstern, den er zur Mahnung stets auf seinem Schreibtisch liegen hatte.

Bis 20.Dezember, Mittwoch bis Montag 11-19 Uhr.Katalog 18 DM.Am 1.Dezember, 20 Uhr, spricht Jeremy Adler in der Ausstellung über die Beziehungen seines Vaters zu Canetti und Steiner.

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