Kultur : Der jüdische Historiker Peter Novick attackiert die Amerikanisierung des Holocaust

Jörg von Uthmann

Dass die so genannte "Endlösung der Judenfrage" einen amerikanischen Namen trägt und dass die meisten Holocaust-Museen in Amerika zu finden sind, ist keineswegs selbstverständlich. Peter Novick, Historiker an der University of Chicago und selbst Jude, ist nicht der Erste, dem diese Sonderbarkeit auffiel. Aber er ist der Erste, der dem Aufstieg der zunächst schamhaft verdrängten Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden zu einer amerikanischen Zivilreligion, zu der sich die Gläubigen stolz bekennen, systematisch nachging. "Der Holocaust, praktisch der einzige gemeinsame Nenner der jüdischen Identität in Amerika", schreibt er in seinem neuen Buch "The Holocaust in American Life", "erfüllt das Bedürfnis nach einem allseits akzeptablen Symbol."

Identitätsstiftend

Ähnlich wie die Niederlage gegen die Türken auf dem Amselfeld, die in der kollektiven Erinnerung der Serben eine gänzlich unhistorische, aber identitätsstiftende Rolle spiele, sei der Holocaust bei den amerikanischen Juden an die Stelle ihres verlorenen Glaubens getreten. Einige der um die Erhaltung der jüdischen Identität besorgten Funktionäre halten den Holocaust noch nicht für beendet: "Bei einer abnehmenden Geburtenrate, bei mehr als 40 ProzentMischehen und der täglich wachsenden Unfähigkeit, hebräische Texte zu lesen", zitiert Novick Horman Lamm, den Präsidenten der New Yorker Yeshiva University, "wer sagt, dass der Holocaust vorbei ist? Das Ungeheuer hat nur eine andere, mildere Form angenommen, doch sein böses Ziel ist das gleiche geblieben - eine judenreine Welt."

Gegen eine Rangfolge der Genozide

Besonders ärgert sich Novick über die Sakralisierung des Gedenkens und die - bewussten oder unbewussten - Anleihen beim Christentum mit seinen Karfreitagsriten, seinen Märtyrern und Reliquien. Mit Entschiedenheit wehrt er sich gegen das Dogma von der Einzigartigkeit des Holocaust, deren Leugnung der Rabbiner Irving Greenberg, der Erste Direktor des Gründungsausschusses für das Washingtoner Holocaust-Museum, als "blasphemisch" verurteilte. Für Elie Wiesel ist der Holocaust "das tiefste Ereignis, das tiefste Mysterium, das niemals verstanden, das niemals dargestellt werden kann". Für Novick dagegen kann eine Rangfolge unter den Genoziden nur bedeuten: "Deine Katastrophe ist - anders als unsere - eine gewöhnliche Katastrophe. Anders als unsere ist sie verständlich. Anders als unsere kann sie dargestellt werden." Auch Ismar Schorsch, der Kanzler des Jewish Theological Seminary in New York, nennt das Dogma von der Einzigartigkeit des Holocaust "eine geschmacklose Version des Auserwähltheitsglaubens".

Deutsche Waffengeschäfte

Mit der Vorgeschichte des Holocaust-Museums hat sich Novick eingehend beschäftigt und dabei eine Fülle unbekannter Tatsachen ans Licht gefördert. Als die Bundesregierung mit dem Gedanken spielte, Waffen an Saudi-Arabien zu verkaufen, bekam der deutsche Botschafter in Washington einen Brief von Hyman Bookbinder, einem Mitglied des Gründungsausschusses: "Wie Deutschland in dem Museum behandelt wird, könnte sehr wohl von der Entscheidung abhängen, die Sie zum Waffenverkauf an Saudi-Arabien treffen." Das Geschäft unterblieb. Eine Würdigung der deutschen Bemühungen um Wiedergutmachung sucht man im Museum dennoch vergebens.

Den Armeniern war zunächst versprochen worden, auch ihr tragisches Schicksal anschaulich zu machen. Dies geschah jedoch nicht, da sich mehrere Ausschussmitglieder gegen einen Präzedenzfall und eine "Verwässerung" der Botschaft wehrten. Auch die israelische Regierung warnte davor, die Türkei - damals das einzige muslimische Land, mit dem sie diplomatische Beziehungen unterhielt - vor den Kopf stoßen. Schließlich wurde ein Plan des amerikanischen Kongresses fallen gelassen, für den armenischen Genozid ein eigenes Mahnmal zu errichten.

Inzwischen haben sich die Dinge jedoch weiterentwickelt. Die neuen Holocaust-Museen in Amerika haben sich auch den Nichtjuden geöffnet. Bei der Einweihung des jüngsten Museums in Florida durchschnitt Ehrengast Elie Wiesel vor dem Hintergrund von elf ewigen Lichtern ein vielfarbiges Band - "gelb für die Juden, rot für die politischen Gefangenen, schwarz für die sozial Geächteten, rosa für die Homosexuellen, braun für die Zigeuner, lila für die Zeugen Jehovas und grün für die Berufsverbrecher".

Die anderen Opfer der Geschichte

Sehr zum Verdruss der Schwarzen, der Indianer und anderer Minderheiten, die gleichfalls um die Anerkennung als Opfer der Geschichte ringen, ist der Holocaust auf dem Wege, sich aus dem europäischen Kontext herauszulösen und zu einem amerikanischen Ereignis zu werden.

In vielen Schulen ist Holocaust-Unterricht Pflichtfach. Das Bostoner Holocaust-Mahnmal wurde mit Bedacht am "Freiheitspfad" errichtet, der die Besucher zu den heiligen Stätten aus der Epoche des Unabhängigkeitskrieges führt. Während die großen Kunstmuseen in den Vereinigten Staaten auf private Wohltäter angewiesen sind, wird das Washingtoner Holocaust-Museum aus dem US-Bundeshaushalt subventioniert.

Unbehagen in Israel

Die Amerikanisierung des Holocaust wird sogar in Israel mit Unbehagen verfolgt. Die Jerusalemer Gedenkstätte Yad-Vashem fühlt sich von den weit besser finanzierten amerikanischen Instituten an die Wand gedrückt. Als der New Yorker Bürgermeister Ed Koch den Bau einer weiteren Holocaust-Gedenkstätte an der Südspitze Manhattans ankündigte, widersprach ihm der israelische Botschafter Meir Rosenne: "Das jüdische Volk braucht nicht noch mehr Mahnmale für die Toten. Wir haben ja schon ein Mahnmal - den Staat Israel." Sein Protest nützte nichts. Auch dieses Holocaust-Museum wurde schließlich gebaut.Peter Novick: The Holocaust in American Life. Houghton Mifflin Company, Boston / New York 1999. 373 Seiten. 27 Dollar.

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