Kultur : "Der Junge, der Spinnen zähmt": Eine Erzählung von Jutta Richter

Ulrich Karger

Immer schleicht er sich so an und will mitspielen. Außerdem erzählt man sich so einiges über seine Mutter. Nur die Erzählerin scheint Rainer auch von einer ganz anderen Seite zu kennen. Rainer hatte ihre Angst vor der Kellerkatze nicht nur ernst genommen, sondern sie auch davon befreit. Er hat ihr sogar beigebracht, Spinnen zu zähmen. Doch alle anderen können ihn nicht ausstehen, und zuletzt passiert auch noch das mit Michael. Erst beschimpfen sie einander nur. Aber als Michael Rainers Mutter eine versoffene Nutte nennt, schlägt der einfach zu. Michael fällt unglücklich auf Stein und muss für Wochen ins Krankenhaus. Wie kann man jetzt noch Rainers Freundin sein?

Nach dem erfolgreichen und märchenhaften Debüt "Der Hund mit dem gelben Herzen", das 1998 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, erzählt Jutta Richter nun die sehr diesseitige Geschichte aus einer Kindheit in den frühen sechziger Jahren. Damals blieben Kinder tagsüber nur zu Hause, wenn sie "Stubenarrest" hatten. Sonst traf man sich bei jedem Wetter draußen. Den Eltern ging es nur darum, was andere über sie dachten.

Wenn "Dieda" erzählt ...

Beschrieben wird das aus dem Blickwinkel eines namenlosen Mädchens, das lediglich so lange als "Dieda" bezeichnet wird, als es noch zu Rainer hält. Richters Schilderungen jener damaligen Kinderwelt geben der Geschichte über Ausgrenzung, Freundschaft und Verrat genau jene Authentizität, derer sie bedarf.

Jutta Richter erweist sich hier einmal mehr als eine formvollendete Erzählerin, und ihre Geschichte mit dem zur Debatte anregendem Ende ist von einer solch liebevoller Detailgenauigkeit, dass jede Einengung auf ein Lesealter ihr nicht gerecht wird.

So empfiehlt sich das Buch dank seiner Kürze für einen Einsatz in der Schule, könnte aber auch bereits weit jüngeren Kindern, als vom Verlag angedacht, vorgelesen werden - und auch Erwachsene ziehen aus diesem preisverdächtigen Buch großen Gewinn.

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