Der Junge : Eine japanische Bildbetrachtung

Ein japanischer Junge und der Geierzähler: In dieser Szene ist die ganze Katastrophe vorgezeichnet, mit allen Wendungen, die sie noch nehmen kann.

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Blick ins Ungewisse. Aufnahme aus einer Kontrollstation in Koriyama.
Blick ins Ungewisse. Aufnahme aus einer Kontrollstation in Koriyama.Foto: Reuters

Mit der Katastrophe schlägt die Stunde der Erklärer. Die atomare Bedrohung: Leitthema der japanischen Nachkriegskultur. So sah es die „Süddeutsche Zeitung“ und überging damit völlig die Perspektive der Betroffenen: Kaum ein Japaner verbindet Fukushima mit Hiroshima. Das tun wir Europäer, die immer glauben alles erklären können zu müssen und uns die Welt mit unseren eigenen Projektionen verstellen.

Möglicherweise ist dieser Text Teil des Problems. Das Feuilleton hat in diesen Tagen einfach wenig zu sagen. Das Relevante steht in Politik und Wirtschaft.

Doch bringt uns der Rhythmus der Tickermeldungen und immer gleichen Bilder nicht näher ans Geschehen. Es liegt nah zu sagen, die Katastrophe übertreffe jede Vorstellungskraft. Dabei verstehen wir doch genau was passiert. Wir haben es uns seit Jahrzehnten in Büchern und Filmen ausgemalt. Machtlos macht uns, dass es tatsächlich genau so eintrifft.

Es sind kleine unerwartete Details, die das angestaute Wissen umschlagen lassen können in wehrlose Betroffenheit, die den antrainierten Affekthaushalt des Mediennutzers aus dem Gleichgewicht bringen und ihm den unmittelbaren Stich versetzen, der in Roland Barthes' Fotografietheorie das „punctum“ heißt.
Dazu muss er allerdings auf Pause drücken und sich eingestehen, dass der eigene emotionale Zugriff am Bild endet. Von dort kann er zurück auf sich selbst blicken, um Tränen und um Fassung ringen. Dann kann er sich in gemessener Höflichkeit etwas nach vorne neigen, etwa auf Sichthöhe des Jungen, der auf dem viel genutzten Pressefoto von Kim Kyong Yoon wohl zum ersten Mal im Leben einen Geigerzähler sieht.

Dieses Bild könnte zum Wahrzeichen der Katastrophe werden,

Die Szene öffnet sich vor einer Aluminiumwand wie ein Bühnenbild: Ein Mann in weißer Schutzkleidung, Vertreter des staatlichen Bemühens um Schadensbegrenzung, hält einem etwa vierjährigen Jungen ein Messinstrument entgegen und blickt auf den Zähler. Der Junge aber blickt auf den fremden Mann. Die Wiederholung der Aufstellung im Hintergrund markiert die Szene als Beispielfall.

Die Kamera zwingt uns auf Blickhöhe des Kindes, in die beschränkte Übersicht. Ein Autor sah im Blick des Jungen kontrollierte Angst. Doch wovor soll der Vierjährige Angst haben? Davor, dass in Reaktor 2 oder 3 von Fukushima I die Brennstäbe oxidieren und Cäsium austritt? Nein, mit seinem konzentrierten Blick und der gerunzelten Stirn befindet er sich in einem Zustand vor der Angst. Er wundert sich. Er versteht das Spiel noch nicht und nicht die Rolle, die ihm darin zukommt.

Auch eine Bezugsperson ist anwesend, sie hebt die Arme des Jungen und bringt ihn in die Pose der Wehrlosigkeit. In dieser Szene ist die ganze Katastrophe vorgezeichnet, mit allen Wendungen, die sie noch nehmen kann. Der Junge, platziert zwischen der Bühetetheit des Elternhauses und dem kalten Auge des Ausnahmezustands, das ist die Zukunft.

In der Lücke, die zwischen unserer Erfahrung und der des Jungen klafft, zwischen unserem Wissensvorsprung und seiner Ausgeliefertheit, kann das Ausmaß der Katastrophe spürbar werden. Und die Einsicht, dass man nichts tun kann, dass man nichts tun kann und dass man nichts tun kann. Bevor man sich wieder aufs Hoffen verlegt. Das ist die Grenze, die ein 8000 Kilometer weit entfernter Zuschauer sich seiner Fantasie und seinem Mitleid eingestehen muss.

Nicht dass man unbedingt überall mitfühlen müsste. Es reicht, wenn man sich das Geld für Geigerzähler und Jodtabletten spart und es nach Japan schickt.

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