Kultur : Der Kämpfer

Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka wird 70

Jörg Plath

Wohl kein Literaturnobelpreisträger hat soviel Gefängniserfahrung wie Wole Soyinka. Erst im Mai saß der Nigerianer wieder ein: In Lagos hatte man ihn auf einer Kundgebung gegen Präsident Olusegun Obasanjo vorübergehend verhaftet. Soyinka war immer ein scharfer Kritiker der Militärregierungen seines Landes. Ende der 60er Jahre entging er nur knapp der Liquidierung im Gefängnis.

Der erste Nobelpreisträger Schwarzafrikas, ausgezeichnet 1986, ist ein engagierter Intellektueller mit vielen Talenten. Neben Gedichten, die gerade erstmals auf Deutsch erschienen sind („Samarkand und andere Märkte, auf denen ich war“, Ammann Verlag, Zürich) verfasst er Essays, Romane und Theaterstücke, er inszeniert und schauspielert.

Doch dem deutschen Leser dürfte er vor allem durch die Kindheitserinnerungen „Aké“ bekannt sein. Mit großer Leuchtkraft erzählen sie von den zwei prägenden Einflüssen des Oluwole Akinwande Babatunde Oludeinde Isola Soyinka: vom christlich-modernen Abeokuta, in dem der Vater Rektor einer Volksschule ist und die Mutter einen Krämerladen betreibt, und dem Dorf Isara, in dem der Großvater dem traditionellen Yoruba- Glauben anhängt. Sein wichtigster Gott Ogun ist durch Zerstörung schöpferisch. Auf diesen Verwandten des Dionysos stößt man immer wieder in Soyinkas Werk, in dem Yoruba-Traditionen auf moderne westliche Kunst und Philosophie stoßen. Der Roman „Die Ausleger“ (1962), in dem fünf Intellektuelle das korrupte Regime in Nigeria geißeln, jedoch nichts tun, hat Kritiker an William Faulkner erinnert.

Soyinka studiert in Großbritannien, arbeitet bis 1960 als Dramaturg und Schauspieler am Royal Court Theatre, kehrt dann in das unabhängige Nigeria zurück. Er lehrt an Universitäten, gründet Theatergruppen und führt politische Stücke auf. 1965 steht er erstmals vor Gericht, 1967 folgt eine 28-monatige Isolationshaft, weil er für die Selbständigkeit von Biafra eintrat. Danach wechseln Lehrtätigkeiten und Repressalien, so dass Soyinka zeitweise nach Ghana, Cambridge, Sheffield und Paris emigriert. Heute lebt er in Kalifornien und Nigeria.

In den 60er Jahren hatte Soyinka höhnisch über die von Lépold Sédar Senghor vertretene Idee der „Negritude“ gesagt, ein Tiger verkünde ja auch nicht seine „Tigritude“. Deutlich freundlicher forderte der Nigerianer zuletzt den Westen auf, sich für die Sklaverei zu entschuldigen und Afrika zu entschädigen. Wole Soyinka, der heute 70 wird, ist konzilianter geworden, aber nicht weniger entschieden.

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