Kultur : Der Kaiser als Popstar

Fotografie und Propaganda: eine Potsdamer Ausstellung über Wilhelm II.

Michael Zajonz

Unter all den Möbeln, Gemälden, Porzellan- und Silbersachen, die sich Kaiser Wilhelm II. ins niederländische Exil nachschicken ließ, dürften sie kaum ins Gewicht gefallen sein. Und doch stellt Wilhelms Fotosammlung eine der umfangreichsten Einzelkollektionen von Haus Doorn dar, dem 1920 die Antiquitätenlieferung in 59 Eisenbahnwaggons galt. In dem schon vor Ende des Zweiten Weltkriegs zum Museum umfunktionierten Landschlösschen bei Utrecht hat der Kaiser nach Abdankung und Flucht die letzten 21 Jahre seines Lebens als grollender Privatier verbracht.

Wiederentdeckt wurden die rund 12000 erhaltenen Aufnahmen bei der Renovierung des Hauses 1990. Seit zehn Jahren werden sie wissenschaftlich bearbeitet und konservatorisch betreut, auch wenn es in den Niederlanden immer wieder heftige Debatten um die Finanzierung von Haus Doorn gibt. Eine Ausstellung, die in veränderter Form zuvor bereits in Amsterdam und Doorn zu sehen war, macht nun im Potsdamer Neuen Palais mit dem Hauptthema der kaiserlichen Fotokollektion bekannt. Und das ist, wer wagte daran zu zweifeln, natürlich Wilhelm selbst.

„Der Kaiser im Bild. Wilhelm II. und die Photographie als PR-Instrument“ dokumentiert anhand von 220 Einzelaufnahmen und zwanzig Alben ein rundes Jahrhundert Fotogeschichte im Dienste preußischer Staatsräson und Hohenzollernscher Familienpropaganda. Zu den ältesten Beispielen gehört eine seltene Goldene Daguerreotypie von Wilhelms Vater Prinz Friedrich Wilhelm als Teenager, 1845 von Philipp Graff aufgenommen. Eine der späten Fotoserien, die Franz Langhammer 1934 anfertigte, zeigt Kinder und Enkel des abgedankten Kaisers – mehrere von ihnen tragen Naziuniformen. Goebbels gab sie trotzdem nicht zum Druck frei. Leider sind viele andere Motive noch immer nicht hinreichend erforscht, um sagen zu können, ob sie je das Licht der Öffentlichkeit erblickten. Hier lassen auch Ausstellung und Katalog viele Fragen offen.

Wilhelm war sich schon als junger Monarch der Wirksamkeit medialer Präsenz bewusst. Keiner ist so viel gereist wie er, und keiner ließ sich dabei so oft – und gern – fotografieren. Und das, obwohl er seine Körperbehinderung stets zu verbergen suchte. Bei den Denkmalsenthüllungen, Militärparaden, Stapelläufen und im Hauptquartier während des Krieges tritt der Kaiser meist als Mittelpunkt vielfiguriger Kompositionen auf. Schnappschüsse im heutigen Sinn finden sich nur unter den Reisefotos, etwa, wenn Kaiserin Auguste Viktoria 1911 einen Besuch des Kronprinzenpaars auf Korfu in ausgelassener Urlaubsstimmung selbst mit der Kamera festhält. Oder wenn Wilhelm den von seiner Entourage gefürchteten Frühsport an Deck der Kaiseryacht „Hohenzollern“ ablichten lässt.

Staatsporträts, die wie alle zur Veröffentlichung bestimmten Aufnahmen vom Hofmarschallamt autorisiert werden mussten, dienten oft persönlicher Auszeichnung. Die wie Orden verliehenen Fotos des Herrschers in großer Uniform wurden, je nach Wertschätzung des zu Ehrenden, klein oder groß, gerahmt oder ungerahmt, mit oder ohne Widmung ausgegeben. Noch im Exil verschickte der Kaiser wie ein Popstar Tausende von Bildpostkarten. Sein schwungvolles „Wilhelm“ ließ er nun allerdings nur noch stempeln.

Potsdam, Neues Palais im Park Sanssouci. Bis 30. Oktober, Sa–Do 9-17 Uhr. Katalog (niederländisch/deutsch) 25 €. – Am 14. August um 11 Uhr stellt Liesbeth Ruitenberg von Haus Doorn Ausstellung und Sammlung vor.

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