Kultur : Der Kamerad als Untermensch

Eine Ausstellung in Karlshorst zeigt das ungleiche Schicksal deutscher und russischer Kriegsgefangener

Christian Schröder

Der Krieg entmenschlicht den Menschen. Wer mit dem Leben davonkommen will, braucht animalische Instinkte. „In Pskow erlebte ich 1941 im Vorübergehen diese Szene“, erinnert sich ein ehemaliger Luftwaffen-Leutnant. „Ein Unteroffizier fragte die Vorbeigehenden, ob sie einen Spaß erleben wollten. Dann warf er ein halbes Kommissbrot über den Stacheldrahtzaun des Gefangenenlagers. Die völlig ausgehungerten russischen Kriegsgefangenen stürzten sich darauf und prügelten sich, um ein Stück davon zu ergattern.“ Eine üble Dressurnummer: die Raubtierfütterung als Verhöhnung des Gegners. Der Deutsche, der achselzuckend zuschaute, fügt lakonisch hinzu: „Ich war bis 1947 selbst in sowjetischer Gefangenschaft.“

Was sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschen Lagern angetan wurde und was deutsche Gefangene in sowjetischen Lagern erlebten, das war lange ein heikles, politisch aufgeladenes Thema. Der Kalte Krieg machte die Gefangenen gewissermaßen zu Geiseln. Zwar erreichte Adenauer mit seiner Moskaureise 1955 die Heimkehr der letzten deutschen Gefangenen, doch das Phantasma, tief in Sibirien würden noch immer einige Landser auf ihre Befreiung hoffen, war damit nicht totzukriegen. Von der gezielten Vernichtung, vom hunderttausendfachen Verrecken der russischen „Kameraden“ in deutscher Obhut wollte man hierzulande lange wenig wissen. Überlebende Veteranen sind bis heute von Entschädigungszahlungen ausgeschlossen, obwohl ihr Martyrium dem von KZ-Insassen und Zwangsarbeitern ähnelte. Umgekehrt durfte in der Sowjetunion über deutsche Kriegsgefangene lange nur im Kontext des linientreu antifaschistischen „Nationalkomitees Freies Deutschland“ (NKFD) gesprochen werden.

So gesehen ist die Ausstellung, die sich im Museum Berlin Karlshorst, am Ort der deutschen Kapitulation von 1945, mit dem Schicksal der Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs auf beiden Seiten beschäftigt, eine kleine Sensation. Sie wurde vom „Memorialmuseum deutscher Antifaschisten“ in Krasnogorsk zusammengestellt. In der bei Moskau gelegenen Stadt war 1942 ein „operatives Sonderdurchgangslager“ eingerichtet worden, das die Elite der deutschen Gefangenen – Generäle, Prominente, NKFD-Aktivisten – aufnahm. Das Museum entstand 1985 auf Initiative der DDR, Kontakte mit dem Karlshorster Haus bestehen seit 1990.

Multimediale Überwältigung darf man von dieser Schau nicht erwarten, sie erzählt ihre Geschichte mit lehrbuchartiger Strenge. Zu sehen sind die alltäglichen Hinterlassenschaften deutscher Kriegsgefangener: eine Fliegeruniform mit Helm, Feldstecher, Essgeschirr aus Blech, Rasierzeug der Marke „Rotbart“, ein Armband mit Ansichten von Paris. Die Gegenstände, die die Gefangenen fertigten, künden von den endlosen Stunden, die in den Lagern totgeschlagen werden mussten.

Bilderrahmen, Schachspiele, Holzschatullen entstanden auf kunsthandwerklich erstaunlich hohem Niveau, die Bleistiftzeichnung trauernder Stalingrad-Kämpfer eines späteren Studenten an der Dresdener Akademie folgt bereits der Doktrin des sozialistischen Realismus, während uns aus dem Ölporträt des „stellvertretenen Verwaltungschefs des Kriegsgefangenenlagers Nr. 362, Tyschtschenko“ bloß ein erstarrter Herr mit einer Brust voller Orden entgegenblickt. Textilfahnen mit Stacheldrahtdekor hinterfangen die Ausstellungswände, wer will, kann sich lange in die Fülle der ausgebreiteten Texte, Dokumente und der mehr als 200 Fotografien versenken.

Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 begann der blutigste aller Kriege in der Geschichte, der von der UdSSR mehr als 27 Millionen Tote forderte. Die Ausstellung setzt mit den Bildern vorrückender deutscher Soldaten ein. „Die ordnungsgemäße Fortführung dieses Betriebs darf nicht unterbrochen werden“, fordert ein Wehrmachtsplakat für die okkupierten Territorien. Feixende Landser halten ein selbstgemaltes Schild hoch: „Der Russe muss sterben, damit wir leben.“ „Der Russe“, das waren die Menschen, die in nun in unüberschaubar langen Kolonnen in die Lager marschierten. 5,7 Millionen Rotarmisten gerieten bis 1945 in Gefangenschaft, 3,3 Millionen von ihnen kamen darin um. Fotos dokumentieren das elende Dahinvegetieren. Ein ausgemergelter Soldat hat sich unterwegs ins Durchgangslager auf den Boden geworfen, um aus einer Regenpfütze zu trinken. Die Ansicht des „Russenlagers Nr. 304“ zeigt Holzhütten einfachster Bauart. Vor einer Baracke liegen zu Skeletten abgemagerte Leichen.

Leichen deutscher Kriegsgefangener kommen in der Ausstellung nicht vor, der zwangsweise Aufenthalt in den sowjetischen Lagern, auch die Arbeitseinsätze beim Wiederaufbau zerstörter Städte, im Bergbau oder in der Stahlindustrie erscheinen in einem milden Licht. Von den drei Millionen deutscher Kriegsgefangener kehrten zwei Millionen heim. „Damit gelang es, fast 70 Prozent der Kriegsgefangenen in der UdSSR das Leben zu retten“, heißt es auf einer Tafel. Zum Morgenappell wurde mit der Trompete geblasen, das Lagertheater zeigte „Faust I“, man spielte Schach mit den Bewachern, Stalin persönlich bekam Meldungen über die vorbildliche Nahrungs- und Gesundheitsversorgung der Gefangenen vorgelegt: Szenen wie aus einem Idyll.

Mancher Begleittext ist noch in staatsparteilichem Duktus gehalten. „Nicht alle Kriegsgefangenen arbeiteten diszipliniert“, heißt es da. „Einige von ihnen sabotierten die Arbeit, brachten Anlagen zum Stillstand oder fügten sich selbst Verletzungen zu.“ Immerhin erfährt man auch, dass die Prozesse zur „Entlarvung“ dieser „Reaktionäre“ „durch Verfahrensmängel und ihren nicht öffentlichen Charakter gekennzeichnet“ waren. „Meine geliebte Mutti! Mir geht es gut und gesund bin ich auch“, schreibt ein deutscher Gefangener 1948 vor seiner Entlassung. „Wenn es geht, werde ich wieder in meiner Brauerei anfangen.“ Die Soldaten, die das Lager nicht überlebten, konnten keine Briefe mehr schreiben.

Deutsch-Russisches Museum Karlshorst, Zwieseler Str. 4 (S-Bahnhof Karlshorst, Bus 396), bis 5. November, Di–So 10–18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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