Kultur : Der Kampf des Einzelnen

Heute vor 25 Jahren starb Heinrich Böll

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Tun wir nicht so, als könnte man ihn heute, ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod in Bornheim-Merten bei Bonn, neu entdecken. Das Urteil über Heinrich Bölls Verdienste und Grenzen war zu seinen Lebzeiten schon gesprochen, und Leser, die seinen moralischen Konflikten noch einmal mit ähnlich bebenden Herzen folgen, werden vergeblich gesucht. Bölls Bedeutung für die politische Kultur der alten Bundesrepublik lässt sich zwar kaum überschätzen. Zugleich war schon damals kaum zu übersehen, dass die literarischen Möglichkeiten dieses letzten deutschen Volksschriftstellers mit seinem dissidentischen Bürgersinn nicht Schritt zu halten vermochten.

Bölls Radikalität, Bitterkeit und Schärfe waren Teil seiner demokratischen Mission, die er in späteren Jahren sogar zu einer anarchistischen erklärte. Der säuerliche Kitsch, zu dem er fähig war, die stilistischen Schlampereien, die gelegentlich allzu einfachen Figurenzeichnungen, die Schemata von Nachkriegselend, gräulich verwalteter Wirtschaftswunderwelt und Zivilisationskritik – das alles wurde bereits von den zeitgenössischen Kritikern erkannt.

Es mag für ihn eine Schmach gewesen sein, dass man diese beiden Seiten immer voneinander trennte – auch wenn ihm 1972 der versöhnende Ruhm des Literaturnobelpreises zuteil wurde. Aber hätte er denn die Wahl gehabt zwischen der Wirkungsmacht seiner Bücher im Hier und Heute und einem irgendwann aufglühenden Heiligenschein im Himmel der Ewigen, er hätte sich immer für Ersteres entschieden. Auch als rheinischer Katholik, der er über seinen Kirchenaustritt im Jahre 1979 hinaus blieb, war ihm jede Perspektive sub specie aeternitatis suspekt. „Gebundenheit“ hieß das Schlüsselwort seines poetologischen Denkens.

Am Anfang, nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, suchte der 1917 in Köln geborene Böll noch eine Sprache – und fand sie in Hemingways Verknappung und Faulkners Bewusstseinsströmen. Aus ihr formte er seine Trümmerliteratur. Spätestens mit dem Eheroman „Und sagte kein einziges Wort“ (1953) hatte er, nicht zuletzt durch einen Preis der Gruppe 47 ermutigt, eine Mischung von Stoff und Ton etabliert, von dem noch sein großes Zeitpanorama „Gruppenbild mit Dame“ (1971) zehrte. Als stark empfundene Dokumente ihrer Epoche haben sie wie viele von Bölls Werken ihren Wert.

Es gibt, was die Evokation der erstickenden, menschenzerstörerischen Kräfte des deutschen Katholizismus betrifft, kein suggestiveres Buch als die „Ansichten eines Clowns“ (1963), jene monologisierende Bilanz des traurigen Komikers Hans Schnier, der seine Geliebte Marie an einen katholischen Funktionär verloren hat. Aber wie viel sagt sie über die neurotischen Rückzugsgefechte des heutigen Katholizismus aus? Es gibt, was die atmosphärische Verdunklung der siebziger Jahre im Zeichen des RAF-Terrors betrifft, keine emotionalisierendere Novelle als „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974), ein Buch mit dem schönen Untertitel: „Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann“. Aber taugt ihr medienkritischer Furor, außer zum Beweis einer fatalen Kontinuität, noch zum Kampf gegen die Kampagnen der „Bild“-Zeitung unter Kai Diekmann?

Nichts Vergleichbares ließe sich von Wolfgang Koeppen, Uwe Johnson oder Peter Weiss sagen – auch wenn etwa Weiss noch weniger gelesen wird. Vielleicht hat man es also leichter, bei Böll gleich eine gewisse Verderblichkeit in Kauf zu nehmen und den Publizisten und Kritiker gegenüber dem Romancier zu verteidigen. Die Ost-West-Annäherung wäre sicher anders verlaufen, wenn Böll nicht 1976 zusammen mit Carola Stern und seinem Freund Lew Kopelew „L’ 76“ gegründet hätte, eine bald „L’80“ benannte Zeitschrift, die wertvolle literarische und bürgerrechtliche Netze in die Ostblockstaaten auswarf. Es klingt unzulässig banal, wenn man ihn als Kind seiner Zeit bezeichnet, das er als linker Katholik eben war und mit den entsprechenden Vokabularien und Auseinandersetzungen auftreten ließ. Es erleichtert aber vielleicht auch den Blick darauf, dass jenseits davon ein unbeirrbares Individuum seine Stimme gegenüber einem System einforderte, das es als undurchdringlich empfand. Wenigstens diese Kraft ist noch immer inspirierend. dotz

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