Kultur : Der Kampf mit der Gardine

MORITZ RINKE

Die Auftritte von Peter Strieder haben noch kein wirklich ausgefeiltes medienwirksames Konzept.Der Landesvorsitzende der Berliner SPD trat zur "Willkommen-Veranstaltung" seiner Partei in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gesenkten Kopfes durch eine Gardine und schritt mit ein paar Zetteln zum Rednerpult, wo er sich hinstellte und wartete, daß die Kapelle, die ihn nicht kommen sah, ihr Lied zuende spielte.Ungeübte Beobachter, die sich sonst nicht so sehr mit Peter Strieder und der Berliner SPD beschäftigen, erinnerte dies eher an Mikrophonproben von Tontechnikern, nicht so sehr aber an sozialdemokratische Eröffnungsreden, die Wahlkämpfe und Regierungswechsel einleiten sollen.

Was der Aura dieses Auftritts sicherlich zusätzlich schadete, war eben jene weiße Kunststoffgardine, die, etwa 15 Meter breit, den Hintergrund zu Peter Strieder bildete und durch die er sich schon unter leichten Orientierungsschwierigkeiten hatte hindurchkämpfen müssen.Man muß dazu sagen, daß diese Gardine Bestandteil eines wohl noch unfertigen Bühnebildes der Berliner Volksbühne ist, welches das neue Wohnzimmer von Gerhard Schröder und Doris Köpf für das Stück "Die Berliner Republik" darstellen soll, demnächst inszeniert von Christoph Schlingensief.

Der Saal war gut gefüllt.Sehr viele Frauen trugen rote Polyester-Jacken und waren sichtlich mitgerissen von der Musikkapelle.Jüngere Menschen, vermutlich Neumitglieder und Neuberliner, die gezielt eingeladen wurden, lehnten etwas distanziert an den Seitenwänden, und ein junger Mann mit einem Uli-Knecht-Pullover sagte zu einem anderen jungen Mann: "Du weißt, daß jetzt im Fernsehen FC Bayern im Halbfinale spielt?" Das andere neue Mitglied trug einen sehr eleganten Anzug, vermutlich von Hugo Boss, den ich sofort verglich mit dem Anzug von Peter Strieder, der weder grün war noch grau und schon gar nicht zu dem Bild paßte, welches ich am selben Tag in dem Gala-Magazin "Life & Style" von Gerhard Schröder im Kiton-Anzug gesehen hatte.

Man könnte sagen: Die Differenz der Erscheinungen zwischen den neuen Mitgliedern, Gerhard Schröder in "Life & Style" und der roten Polyester-Basis beziehungsweise Peter Strieder in "weder grün noch grau" erinnerte ein bißchen an die Paarung des Halbfinales, das gerade im Fernsehen lief: FC Bayern gegen Rotweiß Oberhausen.

Strieders Rednerpult stand vor einem frühlingshaften Blumenbouquet, und Strieder stützte sich mit beiden Händen souverän auf das Rednerpult, merkte aber schnell, daß es vielleicht doch unpassend aussehen würde.Man stützt sich nicht souverän auf ein Rednerpult, wenn nicht einmal die Kapelle merkt, daß man den Wahlkampf eröffnen will.An dieser Stelle, als Strieder seine Hände lieber schnell in die Hosentaschen steckte, fiel mir auf, daß große Politik vielleicht schon da beginnen müßte, wo man noch kein einziges Wort gesprochen hat.

Zehn Minuten nach Strieders ordentlicher Rede erschien dann Oskar Lafontaine, zusammen mit dem Spitzenkandidaten der Berliner SPD, Walter Momper.Wie man durch so eine idiotische Gardine kommt, zeigte Parteichef und Finanzminister Lafontaine.Gardine einfache zur Seite reißen, gezielt winken und auftreten - mit gutem Anzug.Während der Berliner Fraktionschef Klaus Böger, der auch aufgetreten war, immer im folgenden mal hier hin, dann schnell wieder da hin guckte, starrte Lafontaine immer eine Weile gnadenlos in eine Richtung, wechselte dann die Stellung des Kopfes und starrte in eine andere Richtung.Man kann diese Technik besonders bei Eidechsen beobachten, deren Kopfhaltung in Tierfilmen immer als zielgerichtete Konzentration und punktuelle Energie beschrieben wird, und es wundert einen nicht, daß Eidechsen bei Kameraleuten so beliebt sind, da sich ihr Verhalten für sehr gute Einstellungen anbietet.

Also: Erst wenn man richtig aufgetreten ist, macht eine Rede einen Sinn.Was Peter Strieder sagte, habe ich nämlich total vergessen (der Oberhausen-Effekt) und auch was Momper sagte, ist mir nicht so deutlich.(Hat Böger eigentlich gesprochen?) Die Rede aber von Lafontaine, ungefähr 45 Minuten lang, kann ich fast auswendig.Zuerst sprach er über Finanzpolitik, Binnennachfrage und die Weltökonomie, aber auch über Kindergeld, Ausbildung und über die Kulturmetropole; dann über Energiepolitik und fossile Brennstäbe, über Agrarpolitik in Bayern, neue Steuertarife, die PDS, Koalitionsfragen, doppelte Staatsbürgerschaft und noch 14 weitere Themen.Lafontaines Redestil glich dabei mehr und mehr dem Ringverhalten eines Boxers.Jedes Thema behandelte er zwei Minuten und bei jedem Schlußsatz und dem einsetzenden Applaus trat er einen Schritt vom Rednerpult weg, wechselte das Gewicht von einem Bein aufs andere, griff sich kurz wechselseitig an die Manschetten und trat wieder ran an das Pult.Nur wenn es Applaus innerhalb eines noch nicht abgeschlossenen Themas gab, stützte er die Hände auf das Pult, so als ruhten seine Fäuste souverän auf den Ringseilen, während seine Gegner, die CDU oder die selbsternannten Wirtschaftsexperten, ausgezählt wurden.Ein Bild, das vor allen Worten bleibt.

Das ist ja auch letztlich der simple Erkenntniswert des Wahlkampfauftaktes der Berliner SPD: Wie bestimmt das Visuelle das Verbale? Das bedeutet: Ein Strieder muß unbedingt Auftritte üben und lernen, sich gegen eine Kapelle und eine Gardine durchzusetzen.Böger sollte sich Tierfilme mit Eidechsen ansehen, wenn er ins überregionale Fernsehen will.Und Momper einfach regelmäßig Boxen gucken.Es nützt nichts, wenn er inhaltlich trifft, man muß auch sehen, daß er getroffen hat.Und wen er getroffen hat.

Aus fast keinem anderen Grund ist Gerhard Schröder Bundeskanzler geworden.

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