Kultur : Der kanadische Thriller von Ciccoretti

Frank Noack

Trägt ein Mensch selbst die Verantwortung, wenn er in eine gefährliche Situation gerät und darin umkommt? Lässt es sich vorhersehen, an welchen Orten Gewalt zu erwarten ist? Der kanadische Regisseur Jerry Ciccoritti antwortet auf derlei Fragen mit einem klaren Nein. Seine Protagonisten könnten biederer und unschuldiger nicht sein. Sie suchen ein hübsches Cafe auf, in dem noch nie etwas passiert ist. Und doch werden sie Opfer einer Schießerei, weil sich bewaffnete Räuber auf der Flucht vor der Polizei in das Cafe verirrt haben.

Das Massaker steht ganz am Anfang des Films. Dann dreht Ciccoretti die Uhr zurück, um zu zeigen, was die Opfer vorher unternommen haben. Im Stil von "Short Cuts"werden Parallelhandlungen erzählt, die nicht alle gleich interessant sind. Umwerfend ist das Spiel von Emily Hampshire als Maggie, die nervöse, etwas pummelige Tochter einer Schauspielerin, die heimlich bei Theaterregisseuren vorspricht. Sie sieht aus wie Monica Lewinsky, geht ihren Mitmenschen und dem Publikum gehörig auf die Nerven und hat dennoch die Sympathien auf ihrer Seite. Der einzige bekannte Darsteller im Ensemble, Stephen Rea, gibt einen schwermütigen Kammerjäger, den finanzielle Sorgen plagen. Er lebt mit Frau und Kind in einem unmenschlich sauberen Haus, dessen sterile Atmosphäre zu einer Katastrophe regelrecht herausfordert.

Steril wirkt der ganze Film, mit seinen hellen, klaren Bildern. Ciccoretti beschreibt eine Ruhe vor dem Sturm, auf den der Zuschauer immer ungeduldiger wartet. Das Massaker muss sein, damit wenigstens etwas passiert. Am Ende sterben nicht dieselben Personen wie am Anfang, denn Ciccoretti will zeigen, wie kleine Änderungen im Terminplan über Leben und Tod entscheiden. Der Film ist gut gemacht, bietet aber nichts, was wir nicht schon aus Assi Dayans "Life According to Agfa" oder Tom Tykwers "Lola rennt" kennen.Heute 17 Uhr (International)

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