Kultur : Der Kanzler reicht den Rotwein

Helmut Böttiger

Der Kanzler starrte manchmal ins Freie. Durch die türkisfarbenen Metallgeländer des Treppenhauses hindurch, durch die türkisfarbenen Fensterrahmen, durch die großen hohen Scheiben. Was er da sah, weiß nur er selbst. Er blickte in die Spiegelungen der runden Steinstufen, die den siebten Stock des Bundeskanzleramtes zu einem fast antiken Forum machen, er blickte in die sich fortzeugenden Neonlichter der Bannmeile und darüber hinaus ins Leere.

Der Kanzler saß auf einer der Stufen der "Sky Lobby" und hörte sich drei Dichterlesungen an. Für kulturelle Begegnungen ist diese Art Amphitheater mitkonzipiert worden, es heißt nicht nur bei Besuchen des US-Repräsentantenhauses so. Unten, am kolossalen Eingang des Bundeskanzleramtes mit seinen diffusen Weiten und Höhen, hing an einem kleinen provisorischen Schild das Wort "Dichterlesung" - das machte einen etwas wehmütigen Eindruck, ein leiser Klang von ganz weit her, darunter stand aber "Sky Lobby". Solchen und anderen Konstellationen mag der Kanzler nachgesonnen haben, als er die großen Fensterscheiben des siebten Stocks durchmaß, dieweil Günter Grass, Emine Sevgi Özdamar und Christa Wolf aus ihren Werken lasen - Repräsentanten immerhin auch sie, aus diesen drei Mosaiksteinen ließe sich rasch ein Genrebildchen der gegenwärtigen Bundesrepublik erstellen.

Die erste Dichterlesung an diesem Ort war, das wusste der Kanzler, klug konzipiert worden: Staatsdichter West, Staatsdichterin Ost - und dazwischen eine Symbolfigur für die fortschrittliche Ausländergesetzgebung, die die rotgrüne Koalition zu ihrer Identitätsfindung braucht. Repräsentative Dichter, die für etwas stehen: Da konnte der Kanzler, unscheinbar von schräg oben kommend, getrost ans Pult am Grund der Steinstufen treten und ein paar Worte an die geladenen Gäste richten - Funktionäre aus Kultur und Journalismus, auf deren Auswahl man bei der Gästelistenverfertigungstelle berechtigterweise stolz war. Dass er Günter Grass und Christa Wolf nicht eigens vorzustellen brauchte, das wusste der Hausherr und sagte es auch; überhaupt war "bewusst" ein Wort, das in seiner Begrüßung auffallend häufig verwendet wurde. "Bewusst" habe man an diesem Abend auf Kameras verzichtet, sagte der Kanzler in das aufkommende Blitzlichtgewitter der Fotoreporter hinein - er habe "elektronische Kameras" gemeint, fügte er nach dem aufgekommenen Gelächter von den Hinterbänken hinzu.

Nur zu Emine S. Özdamar sagte der Kanzler ein paar charakterisierende Worte, er beschrieb einfach ihren Lebenslauf: eine Türkin, die nach Deutschland kam, deutsch lernte und seitdem in beiden Kulturen lebt. Das passte zur äußeren Anmutung der Sky Lobby, die mit ihren provisorischen Sitzen auf Stein das Idealbild eines jener soziokulturellen Zentren in Erinnerung rief, wie sie zur Glanzzeit der Sozialdemokratie gang und gäbe waren: auf dem nackten Stein lagen große runde Filzpölsterchen, und als der Kanzler seine Begrüßung beendet hatte, steuerte er zielstrebig auf eines jener Filzpölsterchen zu und setzte sich mitten unters Volk. Das hieß hier: zwischen Mario Adorf und Moritz Rinke. Und es mag jetzt schon nicht verschwiegen werden, dass es im Anschluss an die Lesung zu einem Imbiss mit Brezeln und Würstchen kam, bei dem sich alles mischte und der Bundeskanzler an hohen kleinen Tischchen mal neben dem Dichter Durs Grünbein, mal neben einem Künstler im raffiniert abgetragenen roten Lederjöppchen, mal neben einem Enkel der Dichterin Christa Wolf zu stehen kam. Letzterer setzte ihm mit Argumenten aus der "Attac"-Bewegung gegen die Globalisierung ziemlich zu, aber es fehlte, wie der Kanzler erkannte, dann doch an entscheidenden Stellen das nötige "Hintergrundwissen". Dann zog Grass den Kanzler an einen Nebentisch.

Der Nobelpreisträger las zu Beginn an einem Stehpult seinen Sonettkranz "Novemberland" - 13 Sonette, die vor zehn Jahren im Dunstkreis der deutschen Einheit entstanden und das Neonaziwesen von Hoyerswerda bis Mölln thematisieren - das habe leider an Aktualität nichts eingebüßt, versetzte Grass. Und gewann durch die Geschehnisse des betreffenden Tages im Bundestag, als der Bundesinnenminister wegen des angestrebten NPD-Verbots heftig in die Bredouille kam, noch an Pikanterie.

Was aber mag im Kanzler vorgegangen sein, als Grass das Pult verließ und sein Rotweinglas, an dem er zu Beginn der Lesung mit einer leichten Verbeugung genippt hatte, auf dem eigens dafür herbeigeschafften Beistellstühlchen vergaß? Während zwei uniformierte Bedienstete das Pult wegschafften und ein Lesetischchen für die folgenden Damen bereitstellten, erhob sich der Kanzler, ging gemessenen Schrittes zum verlassenen Rotweinglas und trug es Grass, der sich anschickte, vier fünf Treppenstufen darüber Platz zu nehmen, nach. Über diese Szene mögen alle nachdenken, die einem Paradigmenwechsel im Verhältnis zwischen Geist und Macht nachspüren und dabei zu keinem Ende kommen. Der Kanzler kehrte, die Augen niedergeschlagen, ebenso gemessenen Schrittes an seinen Platz zurück.

Er hatte dabei so ein versonnenes Lächeln, ein Lächeln, das kaum erkennbar war und dennoch um die Lippen spielte. Dasselbe Lächeln war auch bei der Lesung von Frau Özdamar zu erkennen, die etliche Pointen freisetzte und auf amüsante Weise die Deutschwerdung einer Türkin im Übergangs-Wohnheim beschrieb: Während das Publikum des öfteren laut auflachte, blieb der Kanzler bei seinem versonnenen Zug um den Mund, der so schwer zu interpretieren war und ins Freie verwies. Nur einmal, als Özdamar innehielt, bei der wiederholten Aufrufung eines "kommunistischen Heimleiters" im Text aufschaute und schelmisch hinzufügte: "Das ist ein 68er-Buch!" - da lachte der Kanzler laut. Und lachte danach, wie befreit, noch ein- oder zweimal.

Aber dann las Christa Wolf. Sie las einen Tagebucheintrag vom 27. September - ein Tag, den sie seit Jahrzehnten in jedem Jahr zum Anlass nimmt, die aktuelle Lage penibel zu protokollieren. Es ging um den Krieg in Afghanistan, um die USA, um den Kapitalismus und um den Turm zu Babel, um "den Zorn des biblischen Gottes angesichts unserer Hybris" und der viel zu hohen Zwillingstürme von New York. Sie hat das beim Kanzler gelesen, und Günter Grass hat das erwirkt. Der Kanzler überreichte ihr anschließend einen Blumenstrauß. Wir leben schließlich in einer Demokratie.

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